7 |
|
8 |
"Was sollten wir denn dagegen tun? Wir haben nicht die Kraft." Wir sind |
9 |
vom Menschlichen so hoffnungslos entfernt, daß wir für das tägliche |
10 |
kümmerliche Stückchen Brot alle Grundsätze aufgeben, unsere Seele, alles, |
11 |
worum sich unsere Vorfahren mühten, alle Möglichkeiten für die Nachkommen - um |
12 |
ja nicht unserere jämmerliche Existenz zu zerrütten. |
13 |
|
14 |
Keine Härte, kein Stolz, kein leidenschaftlicher Wunsch ist uns geblieben. |
15 |
Wir fürchten nicht einmal den allgemeinen Atomtod, fürchten nicht den Dritten |
16 |
Weltkrieg (vielleicht verkriechen wir uns in ein Mauseloch), wir fürchten nur |
17 |
die Akte der Zivilcourage! Sich bloß nicht von der Herde lösen, keinen Schritt |
18 |
alleine tun - und plötzlich ohne Weißbrot, Warmwasserbereiter, ohne |
19 |
Aufenthaltsgenehmigung für Moskau dastehen. |
20 |
|
21 |
Teuflisch ist, wer das Reich der Lüge aufrichtet und andere Menschen zwingt, |
22 |
in ihm zu leben. Das geht über die Demütigung der geistigen Abtrennung noch |
23 |
hinaus, dann wird das Reich der verkehrten Welt aufgerichtet, und der |
24 |
Antichrist trägt die Maske des Erlösers, wie auf Signorellis Fresco in |
25 |
Orvieto. Der Teufel ist nicht der Töter, er ist Diabolos, der Verleumder, ist |
26 |
der Gott, in dem die Lüge nicht Feigheit ist, wie im Menschen, sondern |
27 |
Herrschaft. Er verschüttet den letzten Ausweg der Verzweiflung, die |
28 |
Erkenntnis, er stiftet das Reich der Verrücktheit, denn es ist Wahnsinn, sich |
29 |
in der Lüge einzurichten. |
30 |
|
31 |
Doch niemals wird sich etwas von selbst von uns lösen, wenn wir es alle Tag |
32 |
für Tag anerkennen, preisen und ihm Halt geben, wenn wir uns nicht wenigstens |
33 |
von seiner spürbarsten Erscheinung losreißen. Von der LÜGE. (...) |
34 |
|
35 |
Und hier liegt nämlich der von uns vernachlässigte, einfachste und zugängigste |
36 |
Schlüssel zu unserer Befreiung: SELBST NICHT MITLÜGEN! Die Lüge mag alles |
37 |
überzogen haben, die Lüge mag alles beherrschen, doch im kleinsten Bereich |
38 |
werden wir uns dagegen stemmen: OHNE MEIN MITTUN! |
39 |
|
40 |
Und das ist der Durchschlupf im angeblichen Kreis unserer Untätigkeit! - Der |
41 |
leichteste für uns und der zerstörerischte für die Lüge. Denn wenn die |
42 |
Menschen von der Lüge Abstand nehmen - dann hört sie einfach auf zu |
43 |
existieren. Wie eine ansteckende Krankheit kann sie nur in den Menschen |
44 |
existieren. |
45 |
|
46 |
Wir wollen nicht ausschwärmen, wollen nicht auf die Straße gehen und die |
47 |
Wahrheit laut verkünden, laut sagen, was wir denken - das ist nicht nötig, das |
48 |
ist schrecklich. Doch verzichten wir darauf, das zu sagen, was wir nicht glauben. |
49 |
|
50 |
Unser Weg: IN NICHTS DIE LÜGE BEWUSST UNTERSTÜTZEN! Erkennen, wo die Grenze |
51 |
der Lüge ist (für jeden sieht sie anders aus) - und dann von dieser |
52 |
lebensgefährlichen Grenze zurücktreten! Nicht die toten Knöchelchen und |
53 |
Schuppen der Ideologie zusammenkleben, nicht den vermoderten Lappen flicken - |
54 |
und wir werden erstaunt sein, wie schnell und hilflos die Lüge abfällt, und |
55 |
was nackt und bloß dastehen soll, wird dann nackt und bloß vor der Welt dastehen. |
56 |
|
57 |
Somit, laßt uns unsere Schüchternheit überwinden, und möge jeder wählen: ob er |
58 |
bewußter Diener der Lüge bleibt (natürlich nicht aus Neigung, sondern um die |
59 |
Familie zu ernähren, um die Kinder im Geist der Lüge zu erziehen!), oder ob |
60 |
die Zeit für ihn gekommen ist, sich als ehrlicher Mensch zu mausern, der die |
61 |
Achtung seiner Kinder und Zeitgenossen verdient. Und von diesem Tage an wird er: |
62 |
|
63 |
- in Zukunft keinen einzigen Satz, der seiner Ansicht nach die Wahrheit |
64 |
entstellt, schreiben, unterschreiben oder drucken; |
65 |
|
66 |
- einen solchen Satz weder im privaten Gespräch, noch vor einem Auditorium, |
67 |
weder im eigenen Namen noch nach einem vorbereiteten Text, noch in der Rolle |
68 |
des politischen Redners, des Lehrers und Erziehers, noch nach einem |
69 |
Bühnenmanuskript aussprechen; |
70 |
|
71 |
- in Malerei, Skulptur und Fotografie mit technischen oder musikalischen |
72 |
Mitteln keinen einzigen falschen Gedanken, keine einzige Entstellung der |
73 |
Wahrheit, die er erkennt, darstellen noch begleiten, noch im Rundfunk senden. |
74 |
|
75 |
- weder mündlich noch schriftlich ein einziges "leitendes" Zitat anführen, um |
76 |
es jemandem recht zu tun, um sich zurückzuversichern, um in der Arbeit Erfolg |
77 |
zu haben, wenn er den zitierten Gedanken nicht vollständig teilt oder er keine |
78 |
klare Relevanz hat; |
79 |
|
80 |
- sich nicht zwingen lassen, zu einer Demonstration oder einer Versammlung zu |
81 |
gehen, wenn sie seinem Wunsch und Willen nicht entspricht. Kein Transparent, |
82 |
kein Plakat in die Hand nehmen oder hochhalten, dessen Text er nicht |
83 |
vollständig bestimmt; |
84 |
|
85 |
- die Hand nicht zur Abstimmung für einen Vorschlag heben, den er nicht |
86 |
aufrichtig unterstützt; nicht offen, nicht geheim für eine Person stimmen, die |
87 |
er für unwürdig oder zweifelhaft hält; |
88 |
|
89 |
- sich zu keiner Versammlung drängen lassen, wo eine zwangsweise entstellte |
90 |
Diskussion zu erwarten ist; |
91 |
|
92 |
- eine Sitzung, Versammlung, einen Vortrag, ein Schauspiel oder eine |
93 |
Filmvorführung sofort verlassen, wenn Lüge, ideologischer Unfug oder schamlose |
94 |
Propaganda zu hören sind; |
95 |
|
96 |
- keine Zeitung oder Zeitschrift abonnieren oder im Einzelhandel kaufen, in |
97 |
der die Information verfälscht wird und die ursprünglichen Tatsachen vertuscht |
98 |
werden... |
99 |
|
100 |
|
101 |
Wir haben selbstverständlich nicht alle möglichen und notwendigen Abweichungen |
102 |
von der Lüge aufgezählt. Doch wer sich um Reinigung bemüht,wird mit |
103 |
gereinigtem Blick leicht auch andere Fälle unterscheiden. |
104 |
|
105 |
Ja, zunächst wird das nicht glattgehen. Der eine oder andere wird zeitweilig |
106 |
den Arbeitsplatz verlieren. Jungen Menschen, die nach der Wahrheit leben |
107 |
wollen, wird das anfangs ihr junges Leben sehr erschweren: denn auch der |
108 |
abgedroschene Unterricht ist voller Lüge. Man muß auswählen. Für niemanden |
109 |
aber, der ehrlich sein will, bleibt ein Versteck: für keinen von uns vergeht |
110 |
auch nur ein Tag, selbst nicht in den ungefährlichsten technischen |
111 |
Wissenschaften, ohne zumindest einen der genannten Schritte - entweder erfolgt |
112 |
er in Richtung auf die Wahrheit oder in Richtung auf die Lüge; in Richtung auf |
113 |
geistige Unabhängigkeit oder geistiges Kriechertum. |
114 |
|
115 |
Wer aber nicht einmal zum Schutz seiner Seele genügend Mut aufbringt, der soll |
116 |
sich auch nicht seiner fortschrittlichen Ansichten rühmen, soll nicht tönen, |
117 |
er sei Akademiemitglied oder Volkskünstler, verdienter Funktionär oder General |
118 |
- der soll sich sagen: ich ein Herdentier und ein Feigling, ich will es nur |
119 |
satt und warm haben. |
120 |
|
121 |
Sogar dieser Weg - der gemäßigste aller Wege des Widerstandes- wird für uns |
122 |
Eingerostete nicht leicht sein. Doch wieviel leichter ist er als |
123 |
Selbstverbrennung oder Hungerstreik: die Flamme ergreift deinen Körper nicht, |
124 |
die Augen platzen nicht vor Hitze, und Schwarzbrot mit Wasser findet sich |
125 |
immer für deine Familie. (...) |
126 |
|
127 |
Das würde kein leichter Weg? - doch der leichteste der möglichen. Keine |
128 |
leichte Wahl für den Körper - doch die einzige für die Seele. Kein leichter |
129 |
Weg - doch gibt es bei uns bereits Menschen, sogar Dutzende, die seit Jahren |
130 |
alle diese Punkte durchhalten, die nach der Wahrheit leben. |
131 |
|
132 |
Somit: nicht als erste diesen Weg beschreiten, sondern SICH ANSCHLIESSEN! Je |
133 |
leichter und je kürzer uns dieser Weg scheint, desto enger verbunden, in desto |
134 |
größerer Zahl werden wir ihn einschlagen! Werden wir Tausende sein, dann wird |
135 |
man keinem mehr etwas tun können. Werden wir aber Zehntausende sein - dann |
136 |
werden wir unser Land nicht wiedererkennen! |
137 |
|
138 |
Wenn wir aber in Feigheit zurückschrecken, dann sollten wir die Klage lassen, |
139 |
jemand ließe uns nicht atmen - das sind wir selbst! Werden wir uns weiter |
140 |
beugen und abwarten, dann werden unsere Brüder von der Biologie dafür sorgen, |
141 |
daß der Augenblick naht, zu dem man unsere Gedanken liest und unsere Gene |
142 |
umwandelt. |
143 |
|
144 |
-- Alexander Solschenizyn, "Offener Brief an die sowjetische Führung", |
145 |
Darmstadt und Neuwied 1974. |