Belarus: Ein unbekanntes Land des Friedens
Wer anderen in Deutschland sagt, dass er nach Belarus fahren will, erntet mindestens Verwunderung. Dafür sorgt nicht nur die weitverbreitete Unkenntnis über das Land. Dazu trägt ebenfalls die massenmediale Einseitigkeit in den Berichten über das Land zwischen Polen und Russland bei.
Die laufen alle unter dem Stichwort «Diktatur». Wer sich in den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender über Belarus informieren will, findet dort derzeit nichts anderes. Das führt dann dazu, dass diejenigen, die dennoch hinfahren, besorgt gefragt werden, ob das nicht gefährlich sei.
Das wird auch ganz regierungsoffiziell befeuert. So heißt es beim bundesdeutschen Auswärtigen Amt in der «Reisewarnung» zu Belarus: «Verhaftungen und Verurteilungen können jederzeit, auch aufgrund konstruierter Vorwände, erfolgen. Sie können als politisches Druckmittel dienen; lange Haftstrafen unter harten Bedingungen sind möglich, bei schwerwiegenderen Vorwürfen (darunter ‹Sabotage gegen den Staat› oder ‹Terrorismus›) auch die Verhängung der Todesstrafe.»
So gefährlich soll es in der angeblichen Diktatur von Langzeit-Präsident Alexander Lukaschenko sein. Und viele in Deutschland glauben das, wenn es doch Regierung und «Leitmedien» behaupten. Das tun diese insbesondere seit 2020. Damals kam es in dem Land zu Protesten, angeblich nur für «Demokratie» und «Freiheit».
Am 6. Mai dieses Jahres machte sich dennoch eine Gruppe von rund 20 Menschen aus Deutschland auf den Weg nach Belarus. Die meisten von ihnen glaubten den offiziellen Erklärungen über das unbekannte Land im Herzen Europas nicht. Und wenn ansatzweise doch, so wollten sie aber selber sehen, wie es dort ist.

Die Gruppe war die allererste aus Deutschland im 1972 eröffneten Partisanen-Freiluftmuseum «Chowanschtschina» bei Brest (Foto: Tilo Gräser)
Mit Zwischenstation Warschau auf Hin- und Rückreise blieben sie zehn Tage, mit einem vollen Programm mit Besichtigungen, Begegnungen und Gesprächen. Sie nahmen auch an den Feierlichkeiten zum «Tag des Sieges» über den Faschismus am 9. Mai in der Festung Brest teil, diesem historischen Ort.
Es waren hauptsächlich Menschen aus dem Umfeld der DKP, denen wir – meine Kollegin und Partnerin Éva Péli und ich – uns angeschlossen hatten. Mit einigen von ihnen waren wir bereits vor zwei Jahren nach Russland, nach St. Petersburg, gefahren. Anlass war damals ebenfalls der 9. Mai.
Friedlich und lebendig
Uns zeigte sich ein Land mitten in Europa, wie es tatsächlich für viele weitgehend unbekannt ist. Dabei liegt es mitten auf dem gemeinsamen Kontinent. Es hat seine Besonderheiten und Eigenheiten, aber auch ganz viele Gemeinsamkeiten mit den anderen europäischen Ländern.
Und es ist überhaupt nicht gefährlich, erst recht nicht feindlich, auch nicht arm oder ähnliches. Belarus und seine Menschen sind freundlich, besonders gegenüber Gästen. Es ist aufgeräumt und sauber, vielfältig und farbenfroh. Zugleich ist es lebendig und voller schöner Natur.
Und es ist ein Land voller Geschichte, wie wir gesehen haben – einer leidvollen Geschichte, deren schlimmste Kapitel die deutschen Faschisten von 1941 bis 1944 zu verantworten haben. Gerade mit der Erinnerung an den deutschen Überfall vor fast genau 85 Jahren und seinen etwa drei Millionen Opfern – ein Drittel der damaligen Bevölkerung der Belarussischen Sowjetrepublik – wünschen sich die Menschen dort vor allem eines: Frieden.
Das haben wir immer wieder in Gesprächen gehört, ob mit «einfachen» Menschen, wie der Buchhändlerin in Minsk, oder mit dem Direktor des Museums der Festung Brest, Alexander Korkotadse, und dessen Mitarbeitern. Auch der stellvertretende Außenminister von Belarus, Igor Sekreta, machte klar: Dieses einfache Ziel ist für die Politik der belarussischen Regierung unter Präsident Lukaschenko ebenso wichtig wie den Menschen, die in diesem Land leben.

Am 9. Mai in der Festung Brest (Foto: Tilo Gräser)
Das haben wir auch bei den Feierlichkeiten zum «Tag des Sieges» am 9. Mai in der Festung Brest erlebt. Teile ihrer Besatzung hatten nach dem deutschen Überfall am 22. Juni 1941 noch wochenlang Widerstand geleistet. Dort dankte während der Gedenkfeier eine der wenigen Soldatinnen der Streitkräfte von Belarus den Veteranen des «Großen Vaterländischen Krieges».
So wird der Kampf der sowjetischen Völker gegen den faschistischen deutschen Vernichtungskrieg in Belarus auch heute noch genannt. Natalja Onischuk, Oberfeldwebel bei der in Brest stationierten Fallschirmjäger-Brigade, sagte sichtlich bewegt:
«Liebe Veteranen! Sehr geehrte Landsleute! Für uns ist der 9. Mai nicht nur ein Tag des Gedenkens. Der Sieg im Jahr 1945 ist eine historische Tatsache, er ist das Fundament unseres Lebens. Wir verneigen uns vor euch, der Generation der Sieger, die unmenschliche Prüfungen überstanden hat. Euer Mut lehrt uns, stark zu sein, eure Liebe zum Vaterland lehrt uns, treu und authentisch zu sein. Wenn ich heute auf diesen friedlichen Mai blicke, versuche ich mir vorzustellen, wovon ihr in jenen stürmischen Jahren geträumt habt. Wahrscheinlich von Liebe, von Frieden. Von einer strahlenden Zukunft, für die ihr bereit wart, alles zu geben. Heute ist es unsere Pflicht, so zu leben, dass wir eures Andenkens würdig sind, eure und unsere Geschichten an die Kinder weiterzugeben. Die Wahrheit zu bewahren und niemals zu vergessen, zu welchem Preis dieser Frühling errungen wurde. Danke euch für das Leben. Danke für den Frieden und die Ruhe. Wir verneigen uns tief vor euch. Ewiger Ruhm den Helden und Siegern! Herzlichen Glückwunsch zum Feiertag!»
Ich zitiere die Soldatin vollständig, weil es auch in unserer Gruppe Diskussionen über das Gedenken gab. Dazu, ob die Art des Gedenkens in Belarus und auch in Russland nicht zu militaristisch sei. Ob das Reden vom «Sieg» nicht zu martialisch ist und der Frieden nicht anders gesichert werden müsste als durch Militär und Waffen.
Verteidigung des Friedens
Die Worte dieser Frau in Uniform machen aus meiner Sicht den Unterschied zum deutschen Militarismus deutlich. Sie sind das Gegenteil von dem, was jene Kriegstreiber von sich geben, die Deutschland wieder «kriegstüchtig» machen wollen. Sie zeigen, worum es denjenigen in Belarus und Russland geht, die aus der Erfahrung des Krieges gegen ihre Heimat und ihre Vorfahren vor mehr als 80 Jahren, bereit sind, das Land und seine Menschen zu verteidigen.

Das Gedenken an die Toten und Überlebenden des Krieges gegen den Faschismus ist für die Menschen in Belarus selbstverständlich, nicht nur wie hier am 9. Mai in Brest (Foto: Éva Péli)
Vize-Außenminister Sekreta bestätigte das in einem Gespräch mit Éva Péli und mir am 12. Mai in Minsk. Alle in Belarus, Regierung und Bevölkerung, würden Geld statt für Waffen lieber für die notwendigen Dinge des Lebens und der Gesellschaft ausgeben.
«Wir haben Wichtigeres, wofür wir unser Geld ausgeben können. Ja, wir haben eine kampfbereite Armee. Aber für uns ist es wichtiger, dass die Menschen etwas zu essen haben, dass sie sich sicher fühlen, dass Frieden herrscht und Ordnung auf den Straßen herrscht. Das ist für uns wichtiger, dass die Kinder zur Schule gehen. Das ist uns wichtig und dafür geben wir Geld aus, nicht für Bomben, Raketen und Flugzeuge.»
Der Krieg, der vor fast genau 85 Jahren über Belarus und die gesamte Sowjetunion kam, hat unzählige Narben hinterlassen. An vielen Orten wird der Opfer gedacht und an die deutschen Verbrechen erinnert. Wir haben einige von ihnen gesehen.
Wir sahen die Gedenkstätte bei der Station Bronnaja Gora im Rajon Brest, wo mehr als 50.000 jüdische Menschen aus Europa ermordet wurden. Wir waren an der Gedenkstätte für das von den deutschen Faschisten am 2. September 1942 mit seinen 196 Einwohnern vernichtete Dorf Dremljewo. Wir waren auch an dem Ort, wo einst das Dorf Chatyn stand, am 22. März 1943 samt 149 seiner Einwohner ebenfalls von Deutschen vernichtet.

Teil der Gedenkstätte für das vernichtete Dorf Dremljewo im Westen von Belarus (Foto: Tilo Gräser)
Wir haben uns von Historikern und anderen, die die Erinnerung wachhalten, erklären lassen, was jeweils genau geschehen ist. Wir waren und sind betroffen und beschämt. Nicht nur wegen der unglaublichen und unfassbaren Verbrechen. Die von Deutschen begangen wurden, oftmals mit Helfern auch aus Belarus und aus der Ukraine.
Gastfreundschaft statt Hass
Für viele unserer Gruppe war umso verblüffender und beschämender, mit welcher Freundlichkeit und Herzlichkeit wir in Belarus empfangen wurden. Das ist etwas, was einige von uns schon vor zwei Jahren beim gemeinsamen Besuch in St. Petersburg erstaunte.
Es ist umso verblüffender angesichts der gegenwärtigen Hetze und des Hasses sowie der Feindschaft und Lügen in Deutschland. Die sich nicht nur gegen Russland und alles Russische richten, sondern ebenso gegen Belarus. Wir haben dort das Gegenteil erlebt: Offenheit, Gastfreundschaft, Dialogbereitschaft, immer wieder so etwas wie Vergebung und Versöhnung sowie den Wunsch nach Miteinander und eben nach Frieden.
Mit dem gleichen Wunsch sei er nach Belarus gekommen, erklärte Hermann Kopp, Historiker und einer der Organisatoren der Reise. Gegenüber belarussischen Journalisten sagte er, es gehe ihm und den anderen darum, zu zeigen, dass es in Deutschland noch Friedenskräfte gibt. Menschen, die ebenso Frieden und Freundschaft mit den anderen Völkern wollen.

Hermann Kopp am 9. Mai in Brest im Gespräch mit Journalisten (Foto: Tilo Gräser)
Deutlich zu machen, «dass es auch ein anderes Deutschland gibt als das, was durch die jetzige Regierung repräsentiert wird». Das beschrieb Kopp als Motiv für ihn und die Gruppe, am 9. Mai in Brest dabei zu sein.
Es sei ihm wichtig, auch in Deutschland daran zu erinnern, «welche Verbrechen von der deutschen Wehrmacht, von der SS, aber eben auch von einem großen Teil unserer Bevölkerung begangen worden sind». Es sei wichtig, diese Geschichte im Gedächtnis zu behalten, um zu verhindern, dass erneut solche Verbrechen von Deutschen begangen werden.
Eine Schande
Umso beschämender waren die Berichte aus Deutschland über das Gedenken zum «Tag der Befreiung» am 8. Mai und dem «Tages des Sieges» am 9. Mai. Darüber, wie mit Verboten und Schikanen das Gedenken und die Erinnerung, aber auch die Feier des Sieges über den Faschismus vor 81 Jahren erneut eingeschränkt wurde.
«Das ist eine Schande», erklärte dazu der belarussische Vize-Außenminister Sekreta in einem Interview für die Berliner Zeitung. Das hatte Éva Péli zuvor mit ihm geführt. Es wurde am 9. Mai veröffentlicht. Er sagte dabei unter anderem:
«Die seit mehreren Jahren andauernden Versuche der deutschen Behörden und der Leitungen von Gedenkstätten, belarussische Diplomaten von Gedenkveranstaltungen zur Befreiung vom Faschismus auszuschließen, stoßen bei uns auf tiefes Unverständnis und Empörung. Das ist eine Schande. Uns wird das Niederlegen von Blumen am Denkmal der Befreier, unserer Großväter und Urgroßväter, die im Kampf gegen die braune Pest – den Nationalsozialismus – ihr Leben ließen, verweigert! Doch zugleich sieht man keinerlei Problem darin, Milliarden in die Aufrüstung und die Stationierung von Truppen an unseren Grenzen zu investieren. Wo bleibt da die Reue?»
Teil 2 folgt in Kürze










