60 Meter Tod am Locarno Film Festival
Seitdem letzten Oktober im Gazastreifen eine Waffenruhe vereinbart wurde, ist das Schicksal der Bewohner in der palästinensischen Enklave größtenteils aus den Schlagzeilen verschwunden. Dabei sterben weiterhin nahezu täglich Menschen durch israelische Angriffe, und die humanitäre Lage bleibt katastrophal. Der überwiegendeTeil der Bevölkerung lebt weiterhin als Vertriebene unter Planen oder in Zelten unter unwürdigen Bedingungen. Laut dem Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) bleiben 67 Prozent der Bevölkerung von akuter und starker Ernährungsunsicherheit betroffen.
Am Samstagabend wurde nun am Locarno Film Festival auf eine besondere Art an die getöteten Palästinenser im Gazastreifen erinnert: Wo sonst in der Schweizer «Sonnenstube» nur rote Teppiche aufgerollt werden, war es diesmal auch ein 60 Meter langes Banner – mit über 60.000 Namen. Dabei handelt es sich nur um einen Teil der bestätigten Todesopfer israelischer Angriffe, wie RSI berichtete.

Foto: Stefano Mussio
Auffallend ist, dass unseres Wissens kein deutschsprachiges Medium über die Kundgebung informiert hat – zumal es zum Beispiel das weltweit angesehene Fachmagazin für die Filmindustrie Screen Daily getan hat. Locarno sei das jüngste in einer langen Reihe von Festivals, darunter Venedig und Berlin, bei denen Proteste gegen den Gaza-Krieg stattfanden, so das Magazin.

Fotos: Stefano Mussio
Diese Aktion wolle den Getöteten im Gazastreifen, zumeist Zivilisten, eine Identität geben, stellte hingegen der Tessiner öffentlich-rechtliche Sender fest, der das Thema selbst in der Hauptausgabe der Tagesschau aufgriff. Zugleich sei es ein Appell an die Schweizer Behörden. Unter anderem werde die Öffnung der Grenzen des Gazastreifens gefordert, um Hilfslieferungen zu ermöglichen. Auch soll weiteren Verwundeten die Aufnahme in Krankenhäuser in der Schweiz gestattet werden. Eine weitere Forderung seien Sanktionen gegen Israel, sollte der Staat seine völkerrechtswidrigen Praktiken in den besetzten palästinensischen Gebieten nicht einstellen.

Der bekannte Tessiner Künstler Paolo Mazzucchelli (PAM); Foto: Stefano Mussio
Der Tessiner Fotograf Stefano Mussio stellte Transition News seine Bilder und zwei Videos freundlicherweise unentgeltlich zur Verfügung, «für die gute Sache», wie er betonte. Er hat nach der Veranstaltung geholfen, das Banner zusammenzurollen; eine ganze Stunde lang habe es gedauert. 90 Prozent der Teilnehmer an der Aktion seien ältere Menschen gewesen, stellte er besorgt fest. Ein weiteres Video lieferte der Regisseur und Aktivist Stefano Ferrari, ebenfalls kostenlos. In den Videos singen die Teilnehmer das traditionelle palästinensche Lied «Yamma Mweil el Hawa».

Foto: Stefano Mussio
Wie auch RSI mitteilte, wurde die Aktion von der Gruppo 24 maggio, dem Verein Swiss Healthcare Workers Against Genocide (SHWAG) und Ticino Volunteers for Palestine initiiert. Die Gruppo 24 maggio war auch für eine Aktion auf der Piazza Grande in Locarno während des letztjährigen Filmfestivals verantwortlich. Dabei hielt die Menge eine Schweigeminute und 5.000 Postkarten mit einem rotbefleckten Verbandstreifen hoch. Das Motto lautete: «Stoppt den Völkermord im Gazastreifen».
Am letzten Oktober organisierte die Gruppe dann eine Kundgebung in Bellinzona. Dort lag der Fokus auf den Kindern. So wurden in Koordination mit anderen Schweizer Städten Trauer-Postkarten im A5-Format mit jeweils einem Namen eines getöteten palästinensischen Kindes verteilt, adressiert an den Bundesrat – 12.000 insgesamt. Während der Demo wurden die Namen auch verlesen (wir berichteten).