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Feed Titel: Transition News


Moskau eröffnet Strafverfahren gegen «FAZ»-Korrespondenten wegen «Mehr-Russen-töten»-Frage

Die AffĂ€re um den Frankfurter-Allgemeine-Zeitung-Korrespondenten Michael Martens hat eine neue, ernste Stufe erreicht: Moskau hat inzwischen ein Strafverfahren gegen den Journalisten eingeleitet. Ihm wird nach Artikel 282 Absatz 2 des russischen Strafgesetzbuches «Anstiftung zu Hass oder Feindschaft» vorgeworfen. GeprĂŒft werde zudem eine internationale Fahndung sowie eine Untersuchungshaft in Abwesenheit. Im Falle einer Verurteilung drohen Martens laut russischen Staatsmedien bis zu sechs Jahre Haft, wie die Berliner Zeitung unter Berufung auf die russische Nachrichtenagentur Tass berichtet.

Ausgangspunkt der AffĂ€re war eine Pressekonferenz am 8. August 2026 in Belgrad, bei der die PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj (Ukraine) und Aleksandar Vučić (Serbien) gemeinsam auftraten. Martens richtete dort an Selenskyj die Frage, was die EuropĂ€er konkret tun könnten, um der Ukraine zu helfen, «mehr Russen zu töten» beziehungsweise «mehr russische Soldaten zu töten». Die Formulierung löste international scharfe Reaktionen aus. Russlands Außenamtssprecherin Maria Sacharowa bezeichnete Martens als «wahren braunen Propagandisten» und warf ihm vor, xenophobe Aussagen zu verbreiten und Russen zu entmenschlichen; auch die russische Botschaft in Deutschland kĂŒndigte rechtliche Schritte an.

Selbst der frĂŒhere russische PrĂ€sident Dmitri Medwedew schaltete sich ein und ließ unverhohlen drohend anklingen: «Irgendwann wird er seinen Teil der Verantwortung tragen.» Wer eine solche Frage öffentlich stelle, mĂŒsse verstehen, dass es «eine Antwort» geben werde, so Medwedew laut Berliner Zeitung.

Die FAZ selbst distanzierte sich nachtrÀglich von der konkreten Formulierung der Frage und erklÀrte, diese sei «missverstÀndlich formuliert» gewesen; es entspreche nicht der redaktionellen Linie des Blattes, dass möglichst viele russische Soldaten getötet werden sollten. Martens' Frage habe sich, so die Darstellung der Zeitung, auf Diskussionen unter Verteidigungsexperten bezogen, wie die russischen StreitkrÀfte personell unter Druck gesetzt werden könnten, um den Kreml zu Verhandlungen zu bewegen.

Martens selbst rĂ€umte vor allem ein, dass die Verwendung des Wortes «wir» unglĂŒcklich gewesen sei – die grundsĂ€tzliche Frage empfand er jedoch nicht als skandalös. Außerhalb einer «Barbie-Friedenswelt» wĂŒrden Kriege nun einmal so gefĂŒhrt, argumentierte der in Wien lebende Korrespondent.

Ein Kommentar aus BrĂŒssel: Ein Eigentor fĂŒr den Journalismus

Auch außerhalb Russlands wurde der Auftritt scharf kritisiert – wenn auch aus anderen GrĂŒnden. Der BrĂŒsseler Kommentator Georgi Gotev beschrieb den Vorfall auf dem europĂ€ischen Nachrichtenportal EUalive als journalistisches Eigentor, das ausgerechnet dem Kreml in die HĂ€nde gespielt habe. Es sei zutiefst befremdlich gewesen, mitanzusehen, wie ein Reporter sich selbst zum Protagonisten einer Pressekonferenz mache, anstatt die anwesenden Staatschefs zu befragen, so Gotev sinngemĂ€ĂŸ.

Die Aufnahme der Szene habe binnen kurzer Zeit die eigentlichen inhaltlichen Aussagen von Selenskyj und Vučić ĂŒberschattet – ein professionelles Versagen ersten Ranges, wie der Autor es nennt. Erschwerend komme hinzu, dass Martens' Formulierung der russischen Propaganda ein fertiges Zitat geliefert habe, das das seit Langem verbreitete Narrativ stĂŒtze, der Westen wolle nicht nur die Ukraine verteidigen, sondern Russland als solches vernichten.

Gotev verweist zudem auf einen Aspekt, den russische Stellen genĂŒsslich aufgriffen: Martens' Großvater, Hans-Hermann Martens, war NSDAP- und SA-Mitglied, wurde 1936 von Hitler zum Staatsanwalt ernannt und diente ab 1941 im WehrmachtfĂŒhrungsstab unter Alfred Jodl; spĂ€ter fĂ€llte er als MilitĂ€rrichter Todesurteile gegen Deserteure. Diese Familiengeschichte nutzten russische Vertreter, angefĂŒhrt von Sacharowa, um Martens als «Nachfahren eines Nazis» zu brandmarken. Gotev betont gleichwohl, dass Kriege brutal seien und die Ukraine jedes Recht habe, sich zu verteidigen – die Sprache der totalen Vernichtung sei jedoch, selbst nachtrĂ€glich relativiert, nicht die Sprache verantwortungsvollen Journalismus.

«AbgrĂŒnde eigener, ungesĂŒhnter deutscher Schuld»

Auch innerhalb Deutschlands sorgte der Auftritt fĂŒr heftige Debatten. Die Nachdenkseiten bezeichneten die Frage Martens' gar als «bestialisch». Thomas Fasbender wiederum ordnete ihn in einem Meinungsbeitrag (siehe auch hier) fĂŒr die Berliner Zeitung in einen grĂ¶ĂŸeren historischen Kontext ein und fragte pointiert, wie es sein könne, dass ein deutscher Journalist und langjĂ€hriger FAZ-Redakteur dem ukrainischen PrĂ€sidenten öffentlich die Frage stelle, was die EuropĂ€er konkret tun könnten, um ihm zu helfen, «mehr Russen zu töten». Da tĂ€ten sich «AbgrĂŒnde eigener, ungesĂŒhnter deutscher Schuld auf», so Fasbender. Und weiter:

«â€čWas können wir EuropĂ€er konkret tun, um Ihnen zu helfen, mehr Russen zu töten?â€ș Logisch, dass Martens nicht â€čwir Deutscheâ€ș sagt. Da wirkt das Tabu noch. Die VergangenheitsbewĂ€ltigung. FĂŒr uns Deutsche gilt â€čNie wiederâ€ș. Als EuropĂ€er sieht das schon anders aus. Da darf man wĂŒnschen.
Und dem WĂŒnschen sind keine Grenzen gesetzt.

Wer in die anonymen AbgrĂŒnde des Internets taucht, stĂ¶ĂŸt auf TodeswĂŒnsche und Russenhass jenseits aller RationalitĂ€t (...) Wahrscheinlich ist er [= Martens] kein Russenhasser; ich wĂŒrde ihm das keineswegs unterstellen. Es geht um ganz anderes. Der 1973 geborene Enkel weiß: Ähnlich Tausenden anderen wurde der Großvater viel zu milde bestraft, nĂ€mlich gar nicht. In der Bundesrepublik wurde er SenatsprĂ€sident.

â€čWie viele Todesurteile gegen ergriffene Deserteure mein Großvater gefĂ€llt hat, weiß ich nichtâ€ș, schrieb der Enkel vor zwei Jahren. Sein Blick in die Vergangenheit ist mit dem GefĂŒhl von ungerechter Milde assoziiert – das darf sich nicht wiederholen. Der Ruf nach Strafe fĂŒr Russland und die Russen befriedigt dieses ungestillte BedĂŒrfnis nach SĂŒhne fĂŒr die eigene, kollektive und in Martens' Fall familiĂ€re Schuld. Der Gerechtigkeitsfrust aus der eigenen, deutschen Geschichte wird auf eine andere, die russische Geschichte projiziert.»

Ungleiches Maß: Wenn kritische Russland-Korrespondenten ihr Konto verlieren

Bemerkenswert erscheint vor diesem Hintergrund auch, dass Martens trotz einer derart menschenfeindlich anmutenden Äußerung in Deutschland kaum berufliche Konsequenzen zu befĂŒrchten scheint, wĂ€hrend andere Journalisten, die differenziert ĂŒber den Ukraine-Russland-Krieg berichten, handfeste wirtschaftliche Sanktionen im eigenen Land erfahren haben.

So wurde dem seit den 1990er-Jahren aus Moskau berichtenden freien deutschen Journalisten und Buchautor Ulrich Heyden im MĂ€rz 2026 von seiner langjĂ€hrigen Hausbank, der Hamburger Sparkasse, das seit Jahrzehnten bestehende Konto gekĂŒndigt. Als BegrĂŒndung nannte ihm ein Bankmitarbeiter am Telefon die EU-Sanktionen gegen Russland; Heyden lebe in einem «Hochrisikoland». Konkrete VorwĂŒrfe gegen ihn persönlich wurden dabei nicht erhoben (TN berichtete).

Heyden wandte sich daraufhin in einem offenen Brief an BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier und schrieb, die KĂŒndigung sei geeignet, seine Existenz zu zerstören, und widerspreche den GrundsĂ€tzen der Demokratie und der Pressefreiheit. Besonders bemerkenswert ist dabei seine Beobachtung, dass er nicht der erste Fall dieser Art sei: Bereits zuvor waren seinen Kollegen Thomas Röper und Alina Lipp, die ebenfalls aus Russland berichten, die Konten gekĂŒndigt worden (TN berichtete ebenfalls). Und auch dem Berliner Journalisten HĂŒseyin Doğru wurde im Rahmen von EU-Sanktionen das Konto gesperrt, in diesem Fall aufgrund von Berichten ĂŒber Israel und PalĂ€stina.

Heyden kritisierte in diesem Zusammenhang deutlich, dass ausgerechnet ihnen dreien, die ĂŒber Russland «mit VerstĂ€ndnis und nicht mit Schaum vor dem Mund» berichteten, die Konten gekĂŒndigt wĂŒrden. Dabei erwĂ€hnt er sogar auch die FAZ:

«Dass man ausgerechnet uns drei fĂŒr KontokĂŒndigungen auswĂ€hlt und nicht die Moskau-Korrespondenten der Zeit, der FAZ, des ZDF und der ARD, liegt auf der Hand. Wir drei berichten ĂŒber Russland mit VerstĂ€ndnis und nicht mit Schaum vor dem Mund. Doch VerstĂ€ndnis passt nicht zu der von der Bundesregierung geforderten KriegsertĂŒchtigung. Wie geht das an, Herr Steinmeier?»

Womit muss Martens jetzt juristisch rechnen?

Was Martens und das juristische SĂ€belrasseln aus Moskau angeht, so riskiert der Anfang FĂŒnfzigjĂ€hrige eine Festnahme oder Auslieferung, sobald er in einen Staat reist, der mit Russland ein Rechtshilfe- oder Auslieferungsabkommen pflegt beziehungsweise eng mit Moskau kooperiert – etwa Belarus oder bestimmte GUS-Staaten. Auch bei Zwischenlandungen in solchen LĂ€ndern könnte es heikel werden.

Russland kĂŒndigt auch an, eine internationale Ausschreibung zu prĂŒfen. Ein «Red Notice» bei Interpol ist zwar rechtlich möglich, wird aber von Interpol in politisch motivierten FĂ€llen – und dies dĂŒrfte ein solcher sein – hĂ€ufig zurĂŒckgewiesen, da Interpols Statuten die Nutzung fĂŒr politische, militĂ€rische, religiöse oder rassistische Verfolgung ausdrĂŒcklich verbieten (Art. 3 der Interpol-Statuten). Die Erfolgsaussichten Moskaus, eine tatsĂ€chlich vollstreckbare Fahndung durchzusetzen, sind also eher gering, wenn auch nicht bei null.

Das eigentliche Ziel dĂŒrfte unterdessen weniger die reale Festnahme sein als die öffentliche EinschĂŒchterung – vergleichbar mit Ă€hnlichen Verfahren, die Russland in den letzten Jahren gegen westliche Journalisten, Politiker oder Aktivisten eingeleitet hat, ohne dass es je zu einer tatsĂ€chlichen Vollstreckung kam.

Vorschau auf die nationale Kundgebung fĂŒr NeutralitĂ€t & Frieden

Ist die NeutralitĂ€tsinitiative ein «rechtes» Anliegen? Die Veranstalter der Nationalen Kundgebung fĂŒr NeutralitĂ€t und Frieden sagen klar: Nein.

Am Samstag, 29. August 2026, von 15 bis 17 Uhr versammeln sich auf dem Bundesplatz in Bern Persönlichkeiten aus unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Lagern. Im Zentrum stehen die Schweizer NeutralitĂ€t, die Sanktionspolitik, die AnnĂ€herung an die NATO und die bevorstehende Abstimmung ĂŒber die NeutralitĂ€tsinitiative.

AusdrĂŒcklich angesprochen sind auch Menschen aus dem linken, grĂŒnen und friedenspolitischen Spektrum. Die Veranstalter wollen die NeutralitĂ€tsdebatte nicht den traditionellen politischen Lagern ĂŒberlassen. Mit Persönlichkeiten wie dem Politologen Wolf Linder, dem NeutralitĂ€tsforscher und SP-Mitglied Pascal Lottaz sowie Massimiliano Ay vom Partito Comunista sollen auch Stimmen zu Wort kommen, die der ĂŒblichen Links-rechts-Zuordnung widersprechen.

Jacques Baud live aus BrĂŒssel

Ein besonderer Höhepunkt der Kundgebung ist die Live-Zuschaltung des ehemaligen Schweizer Obersten und Nachrichtendienstanalysten Jacques Baud aus BrĂŒssel.

Die Kundgebung steht unter den Mottos:
NEIN zu Krieg & Sanktionen – JA zur NeutralitĂ€t
NEIN zur NATO – JA zur NeutralitĂ€t
JA zur Initiative «Wahrung der schweizerischen NeutralitÀt»

Die Veranstalter wollen eine öffentliche Debatte darĂŒber anstossen, welche Rolle eine neutrale Schweiz kĂŒnftig bei Diplomatie, Friedensvermittlung und internationalem Ausgleich spielen kann – und ob Sanktionen und eine stĂ€rkere militĂ€rische Zusammenarbeit mit NATO, USA und EU mit diesem VerstĂ€ndnis von NeutralitĂ€t vereinbar sind.

* * *

Rednerinnen und Redner:

Prof. Dr. Alfred de Zayas
UNO-Menschenrechts- und Völkerrechtsexperte

Dr. Pascal Lottaz
NeutralitÀtsforscher und Associate Professor in Japan

Jacques Baud
Oberst im Generalstab a. D. und ehemaliger Nachrichtendienstanalyst
Von der EU sanktioniert – live zugeschaltet aus BrĂŒssel

Prof. em. Dr. Wolf Linder
Politologe, MitgrĂŒnder Institut fĂŒr Politikwissenschaft, Uni Bern

Ralph Bosshard
Oberstleutnant im Generalstab a. D., MilitÀranalyst mit Fokus Osteuropa und Russland

Philipp Kruse
Rechtsanwalt LL.M.

Jean-Daniel Ruch
Ehemaliger Schweizer Botschafter in Serbien, Montenegro, Israel und der TĂŒrkei

Pirmin Schwander
StÀnderat, Kanton Schwyz

Michelle Cailler
PrÀsidentin, Föderale Bewegung Romandie

Maria Pia Ambrosetti
GrossrÀtin, HelvEthica Ticino

Massimiliano Ay
Grossrat Kanton Tessin, Partito Comunista

Christoph Pfluger
Verleger und Initiant der Bewegung fĂŒr NeutralitĂ€t

BegrĂŒssung: Urs Hans

Veranstaltet wird die Kundgebung von Urs Hans / Public Eye on Science (PEOS) und NeutralitĂ€t fĂŒr Frieden und Ausgleich (swissneutralitynow.ch).

Die Organisatoren betonen den ĂŒberparteilichen Charakter der Veranstaltung. Parteifahnen und Organisationssymbole sollen bewusst in den Hintergrund treten: Die Menschen sollen als BĂŒrgerinnen und BĂŒrger zusammenkommen und sich aufgrund der vorgetragenen Argumente selbst eine Meinung bilden.

Bundesplatz Bern
Samstag, 29. August 2026
15.00–17.00 Uhr

* * *

Weitere Informationen zur Kundgebung
https://peos.ch
https://bene.swiss

Pressekonferenz linkes Komitee fĂŒr NeutralitĂ€t
https://www.youtube.com/watch?v=3Z1vBuo90pM

Ehem. Schweizer Botschafter J.-D. Ruch zerlegt die Argumente des Bundesrates
https://www.youtube.com/watch?v=agcNfCrqEHo

JACQUES BAUD – „BAUDschafter“ des Friedens sanktioniert von der EU, gefeiert von Menschen
https://www.youtube.com/watch?v=MHZpPTfb49k

Podium zur NeutralitĂ€tsinitiative an der Vollversammlung der Bewegung fĂŒr NeutralitĂ€t
https://www.youtube.com/watch?v=cD2k1REepGk

500'000 Tote durch Sanktionen – jedes Jahr | Prof. em. Dr. Wolf Linder fordert NeutralitĂ€t
https://www.youtube.com/watch?v=YImQ93_whA8

Pascal Lottaz - Die integrale NeutralitÀt der Schweiz
https://www.linksbuendig.ch/video/v/pascal-lottaz-die-integrale-neutralitt-der-schweiz

* * *

Alle Sendungen
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Je lÀnger der Ukraine-Krieg dauert, desto dringender werden Verhandlungen

Der Ukraine-Krieg hat einen Punkt erreicht, an dem die politische Fantasie nicht lĂ€nger an der Front enden darf. Je lĂ€nger die KĂ€mpfe dauern, desto grĂ¶ĂŸer wird nicht nur die Zahl der Opfer, sondern auch das Risiko, dass aus dem Krieg in der Ukraine ein direkter Konflikt zwischen Russland und der NATO wird.

Das Wall Street Journal berichtet unter Berufung auf US-Geheimdienstinformationen ĂŒber Szenarien, in denen Russland in den kommenden Jahren die Entschlossenheit der NATO testen könnte – von Cyberangriffen und hybriden Operationen bis zu einem begrenzten militĂ€rischen Vorstoß. Als möglicher Zeitraum wird sogar der Herbst 2026 genannt.

Das ist keine Prognose, dass ein solcher Angriff bevorsteht. Aber es ist ein Warnsignal. Und es spricht nicht dafĂŒr, den Krieg auf unbestimmte Zeit weiterlaufen zu lassen.

Der ehemalige grĂŒne Schweizer Nationalrat, Arzt und Ehemann der moldauisch-österreichisch-schweizerischen Geigerin Patricia Kopatchinskaja, Lukas Fierz, warnt in seiner Analyse vor der Vorstellung, Russland könne durch weitere westliche UnterstĂŒtzung entscheidend geschlagen werden.

Seine These ist drastisch: Nach dem RĂŒckzug der USA drohe der Krieg zu einem europĂ€ischen Stellvertreterkrieg zu werden. Weitere UnterstĂŒtzung könne die ukrainische Verhandlungsposition sogar verschlechtern und den Krieg verlĂ€ngern. Fierz erwartet, dass die russischen KrĂ€fte die ukrainischen Verteidigungslinien spĂ€testens 2027 durchbrechen. Und dann kĂ€me ein Waffenstillstand aufs Tapet – zu deutlich schlechteren Bedingungen als 2022. Er weist auf konventionelle russische Waffen hin, die problemlos deutsche StĂ€dte erreichen können, und denen die NATO kaum etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen hat. Fierz weist auch darauf hin, dass das Reservoir an Soldaten in der Ukraine praktisch ausgeschöpft ist.

Fierz' EinschÀtzungen sind zugespitzt und teilweise spekulativ. Seine zentrale Frage aber verdient Beachtung: Was bringt eine Strategie, die immer stÀrker auf Waffen und Durchhaltewillen setzt, wenn ein militÀrischer Durchbruch nicht absehbar ist?

Auch Ralph Bosshard kommt in seiner Analyse zu einem ernĂŒchternden Befund. Der Westen habe der Ukraine viel versprochen, aber wenig gehalten. Die Folge sei politische Ratlosigkeit – und diese Ratlosigkeit trage dazu bei, dass der Krieg verlĂ€ngert werde.

Bosshard verweist zudem auf die Geschichte der Minsker Vereinbarungen. Der Waffenstillstand konnte die KĂ€mpfe zeitweise eindĂ€mmen, brachte aber keine dauerhafte politische Lösung. In den folgenden Jahren dokumentierte die OSZE weiterhin VerstĂ¶ĂŸe gegen die Waffenruhe durch beide Seiten.

Gerade daraus lĂ€sst sich eine unbequeme, aber wichtige Lehre ziehen: Verhandlungen sind kein Synonym fĂŒr Kapitulation. Sie sind der Versuch, militĂ€rische RealitĂ€ten in eine politische Lösung zu ĂŒbersetzen.

Wer heute Verhandlungen fordert, muss deshalb weder Russland recht geben noch ukrainische Interessen kleinreden. Er muss lediglich anerkennen, dass Kriege irgendwann am Verhandlungstisch beendet werden, und dass die Alternative zu einem schwierigen Abkommen nicht automatisch ein guter militÀrischer Ausgang ist.

Im Gegenteil: Die aktuellen Warnungen machen Diplomatie dringlicher. Der Wall Street Journal-Bericht beschreibt wachsende Sorgen ĂŒber mögliche russische Aktionen gegen die NATO-Ostflanke. Damit verĂ€ndert sich die Rechnung. Jeder weitere Monat des Krieges bedeutet nicht nur weitere Tote und Zerstörung. Er erhöht auch die Gefahr von Fehlkalkulationen, Eskalationen und einer direkten Konfrontation zwischen Russland und dem Westen.

NatĂŒrlich bleibt die entscheidende Frage, ob Moskau ĂŒberhaupt zu einem tragfĂ€higen Abkommen bereit wĂ€re. Auch Kiew mĂŒsste schwierige Entscheidungen treffen. Territorien, Sicherheitsgarantien, Sanktionen und die europĂ€ische Sicherheitsordnung lassen sich nicht mit einem schnellen HĂ€ndedruck erledigen. Aber genau deshalb muss man anfangen.

Die Alternative lautet nicht «Frieden oder Sicherheit». Die wirkliche Alternative lautet zunehmend: Verhandeln, solange noch Spielraum besteht, oder darauf hoffen, dass der Krieg irgendwann von selbst eine Lösung produziert.

Darauf sollte sich Europa nicht verlassen. Die drei Quellen kommen aus unterschiedlichen politischen und analytischen Blickwinkeln, doch sie fĂŒhren zu einer gemeinsamen Frage: Wie lange kann die militĂ€rische Logik noch die Diplomatie ersetzen?

Wer eine weitere Eskalation verhindern will, sollte Verhandlungen deshalb nicht als SchwĂ€che behandeln. Diplomatie ist kein Geschenk an den Gegner. Sie ist der Versuch, einen Krieg zu beenden, bevor aus einem gefĂ€hrlichen Konflikt eine noch grĂ¶ĂŸere Katastrophe wird.

Europas nie geschaffene Verteidigungsunion

Wer heute ĂŒber eine europĂ€ische Verteidigungsordnung ohne die USA spricht, sollte sich daran erinnern, dass Europa diesen Versuch bereits einmal unternommen hat. Die EuropĂ€ische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) war keine nachtrĂ€gliche Idee und kein theoretisches Planspiel. Sie war ein ausverhandelter, am 27. Mai 1952 von Frankreich, der Bundesrepublik Deutschland, Italien und den drei Benelux-Staaten unterzeichneter Vertrag ĂŒber eine gemeinsame europĂ€ische Armee. Vorgesehen waren supranationale StreitkrĂ€fte, ein gemeinsames Oberkommando und eine politische Konstruktion, die langfristig sogar in eine EuropĂ€ische Politische Gemeinschaft mĂŒnden sollte.

Der Ausgangspunkt war der Pleven-Plan vom Oktober 1950. Frankreich wollte die deutsche Wiederbewaffnung nicht einfach in einer nationalen Armee zulassen, sondern sie in eine europĂ€ische Struktur einbinden. Genau darin lag die historische Ironie: Ausgerechnet die Angst vor einem wiedererstarkenden Deutschland fĂŒhrte zu einem Entwurf, der nationale StreitkrĂ€fte teilweise ihrer nationalen VerfĂŒgungsgewalt entzog. Die Bundesrepublik sollte Soldaten stellen – aber nicht wieder ĂŒber eine vollstĂ€ndig souverĂ€ne nationale Armee verfĂŒgen.

Die Konstruktion war damit in gewisser Weise radikaler als die NATO. Die NATO koordinierte souverĂ€ne Staaten; die EVG sollte militĂ€rische SouverĂ€nitĂ€t teilweise ĂŒberstaatlich organisieren. Ein europĂ€isches Oberkommando, gemeinsame Institutionen und integrierte StreitkrĂ€fte sollten verhindern, dass die europĂ€ische Verteidigung wieder ausschließlich aus nationalen Armeen bestand.

Gescheitert ist dieses Projekt am 30. August 1954 in Paris. Die französische Nationalversammlung vertagte die Behandlung des Vertrags mit 319 gegen 264 Stimmen auf unbestimmte Zeit. Der Vertrag wurde damit politisch beerdigt, bevor es ĂŒberhaupt zu einer Abstimmung ĂŒber seine Ratifikation kam.

Dahinter standen mehrere Motive: die Sorge um die französische SouverÀnitÀt, die Angst vor einer deutschen Wiederbewaffnung und die Furcht, Frankreich könne durch die supranationale Konstruktion einen Teil seiner militÀrischen Handlungsfreiheit verlieren.

Das Scheitern der EVG hatte unmittelbare Konsequenzen. An ihre Stelle traten die Pariser VertrĂ€ge, die in die EU mĂŒndeten und schließlich der NATO-Beitritt der Bundesrepublik 1955. Die Geschichte nahm damit einen anderen Weg: Nicht Europa organisierte seine Verteidigung eigenstĂ€ndig, sondern die europĂ€ische Verteidigung wurde dauerhaft in eine transatlantische Sicherheitsordnung eingebettet.

Genau deshalb ist die EVG fĂŒr die Gegenwart interessant. Denn die entscheidende Frage lautet heute nicht mehr, ob Europa theoretisch eine eigene Verteidigungsarchitektur errichten könnte. Die Institutionen, die StreitkrĂ€fte, die industrielle Basis und die politischen Erfahrungen dafĂŒr existieren bereits. Die eigentliche Frage lautet, wie weit die europĂ€ischen Staaten bereit wĂ€ren, ihre militĂ€rischen FĂ€higkeiten tatsĂ€chlich zu integrieren, wenn die amerikanische Sicherheitsgarantie an Gewicht verliert oder ganz wegfĂ€llt.

Damit kehrt auch die alte SouverĂ€nitĂ€tsfrage zurĂŒck – allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. 1952 fĂŒrchtete Frankreich, durch eine europĂ€ische Armee zu viel nationale SouverĂ€nitĂ€t abzugeben. Heute könnte Europa vor dem entgegengesetzten Problem stehen: Wie viel nationale SouverĂ€nitĂ€t muss es abgeben, um ĂŒberhaupt strategische SouverĂ€nitĂ€t zu gewinnen?

Eine europĂ€ische Verteidigungsgemeinschaft des 21. Jahrhunderts mĂŒsste dabei nicht einfach den Vertrag von 1952 kopieren. Im Gegenteil: Die NATO hat in sieben Jahrzehnten bereits einen Teil der dafĂŒr notwendigen Infrastruktur geschaffen – gemeinsame Standards, integrierte Kommandostrukturen, Logistik, Ausbildung und militĂ€rische InteroperabilitĂ€t. Eine europĂ€ische SĂ€ule könnte deshalb auf vorhandenen Strukturen aufbauen, ohne eine völlig neue Architektur aus dem Boden stampfen zu mĂŒssen.

Und hier wird der Vergleich mit dem Mekka-Pakt interessant. In beiden FĂ€llen geht es um dieselbe strategische Grundfrage: Was geschieht, wenn eine Region ihre Sicherheit nicht mehr dauerhaft an eine externe Garantiemacht delegieren kann oder will? Im Nahen Osten lautet die Antwort möglicherweise ein regionales BĂŒndnis um die TĂŒrkei, Saudi-Arabien und Pakistan. In Europa könnte daraus langfristig eine eigenstĂ€ndigere Verteidigungsstruktur entstehen, in der Deutschland aufgrund seiner wirtschaftlichen, industriellen und finanziellen Möglichkeiten eine zentrale Rolle spielen wĂŒrde.

Der Unterschied ist allerdings entscheidend: Der Mekka-Pakt ist bereits RealitÀt; eine neue europÀische Verteidigungsgemeinschaft ist es nicht. Aber die historische Vorlage existiert. Europa hat bereits einmal versucht, seine Verteidigung ohne eine amerikanische Mitgliedschaft institutionell zu organisieren. Es scheiterte damals nicht an der technischen Unmöglichkeit, sondern an der politischen Bereitschaft, nationale SouverÀnitÀt tatsÀchlich zu teilen.

1954 scheiterte die EVG an der Frage, ob Europa bereit war, gemeinsam zu handeln. Sollte sich die amerikanische Sicherheitsgarantie kĂŒnftig grundlegend verĂ€ndern, könnte dieselbe Frage unter umgekehrten Bedingungen wiederkehren.

Schockhandschuhe fĂŒr Schocktruppen

Elektroschockhandschuhe könnten schon bald gegen jeden eingesetzt werden, der sich Donald Trumps ICE-Agenten widersetzt. Wie der Journalist Leo Hohmann berichtet, hat das US-Heimatschutzministerium den Kauf von Tausenden solcher Handschuhe geplant, um damit diese Einheit der Einwanderungsbehörde auszustatten. Preis: 20 Millionen Dollar.

Die Handschuhe werden bereits von einigen Strafverfolgungsbehörden und GefĂ€ngnispersonal eingesetzt, um Widerstand leistende Personen «zur Kooperation» zu zwingen. Sie verabreichen schmerzhafte StromstĂ¶ĂŸe. Hergestellt werden solche G.L.O.V.E-Handschuhe (Generated Low Output Voltage Emitter) beispielsweise von einem Unternehmen in Kentucky namens Compliant Technologies.

Das GerĂ€t sehe wie ein gewöhnlicher Handschuh aus, so Hohmann, bis ein Agent einen Knopf drĂŒcke, woraufhin bis zu 380 Volt in die Haut geleitet werden, ungefĂ€hr dreimal so viel, wie aus einer Steckdose komme. Das Unternehmen habe in seinem eigenen Handbuch eine Warnung ausgesprochen: «Verwenden Sie sie nicht bei kleinen Kindern, schwangeren Frauen oder Ă€lteren Menschen». Zudem finde sich auf der Website des Unternehmens diese Aussage:

«Indem wir nicht tödliche Alternativen bereitstellen, wollen wir eine sicherere Welt fĂŒr alle Beteiligten schaffen. Wir glauben, dass diese Technologie die Haftung verringern, Risiken mindern und eine freundlichere AtmosphĂ€re fĂŒr die Allgemeinbevölkerung und diejenigen schaffen kann, die uns schĂŒtzen und dienen.»

Das seien die Werkzeuge psychopathischer AutoritĂ€rer, befindet Hohmann, und man setze sie nicht nur gegen illegale Einwanderer ein. So habe ein GefĂ€ngnisverwalter in Tennessee gegenĂŒber der BBC erklĂ€rt, worin der Reiz des Handschuhs liege. Man betĂ€tige den Schalter und ein kleines Licht gehe an. Die Insassen wĂŒrden lernen, was das Licht bedeute. Meistens reiche es, es zu sehen.


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