Moskau eröffnet Strafverfahren gegen «FAZ»-Korrespondenten wegen «Mehr-Russen-töten»-Frage
Die AffĂ€re um den Frankfurter-Allgemeine-Zeitung-Korrespondenten Michael Martens hat eine neue, ernste Stufe erreicht: Moskau hat inzwischen ein Strafverfahren gegen den Journalisten eingeleitet. Ihm wird nach Artikel 282 Absatz 2 des russischen Strafgesetzbuches «Anstiftung zu Hass oder Feindschaft» vorgeworfen. GeprĂŒft werde zudem eine internationale Fahndung sowie eine Untersuchungshaft in Abwesenheit. Im Falle einer Verurteilung drohen Martens laut russischen Staatsmedien bis zu sechs Jahre Haft, wie die Berliner Zeitung unter Berufung auf die russische Nachrichtenagentur Tass berichtet.
Ausgangspunkt der AffĂ€re war eine Pressekonferenz am 8. August 2026 in Belgrad, bei der die PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj (Ukraine) und Aleksandar VuÄiÄ (Serbien) gemeinsam auftraten. Martens richtete dort an Selenskyj die Frage, was die EuropĂ€er konkret tun könnten, um der Ukraine zu helfen, «mehr Russen zu töten» beziehungsweise «mehr russische Soldaten zu töten». Die Formulierung löste international scharfe Reaktionen aus. Russlands AuĂenamtssprecherin Maria Sacharowa bezeichnete Martens als «wahren braunen Propagandisten» und warf ihm vor, xenophobe Aussagen zu verbreiten und Russen zu entmenschlichen; auch die russische Botschaft in Deutschland kĂŒndigte rechtliche Schritte an.
Selbst der frĂŒhere russische PrĂ€sident Dmitri Medwedew schaltete sich ein und lieĂ unverhohlen drohend anklingen: «Irgendwann wird er seinen Teil der Verantwortung tragen.» Wer eine solche Frage öffentlich stelle, mĂŒsse verstehen, dass es «eine Antwort» geben werde, so Medwedew laut Berliner Zeitung.
Die FAZ selbst distanzierte sich nachtrÀglich von der konkreten Formulierung der Frage und erklÀrte, diese sei «missverstÀndlich formuliert» gewesen; es entspreche nicht der redaktionellen Linie des Blattes, dass möglichst viele russische Soldaten getötet werden sollten. Martens' Frage habe sich, so die Darstellung der Zeitung, auf Diskussionen unter Verteidigungsexperten bezogen, wie die russischen StreitkrÀfte personell unter Druck gesetzt werden könnten, um den Kreml zu Verhandlungen zu bewegen.
Martens selbst rĂ€umte vor allem ein, dass die Verwendung des Wortes «wir» unglĂŒcklich gewesen sei â die grundsĂ€tzliche Frage empfand er jedoch nicht als skandalös. AuĂerhalb einer «Barbie-Friedenswelt» wĂŒrden Kriege nun einmal so gefĂŒhrt, argumentierte der in Wien lebende Korrespondent.
Ein Kommentar aus BrĂŒssel: Ein Eigentor fĂŒr den Journalismus
Auch auĂerhalb Russlands wurde der Auftritt scharf kritisiert â wenn auch aus anderen GrĂŒnden. Der BrĂŒsseler Kommentator Georgi Gotev beschrieb den Vorfall auf dem europĂ€ischen Nachrichtenportal EUalive als journalistisches Eigentor, das ausgerechnet dem Kreml in die HĂ€nde gespielt habe. Es sei zutiefst befremdlich gewesen, mitanzusehen, wie ein Reporter sich selbst zum Protagonisten einer Pressekonferenz mache, anstatt die anwesenden Staatschefs zu befragen, so Gotev sinngemĂ€Ă.
Die Aufnahme der Szene habe binnen kurzer Zeit die eigentlichen inhaltlichen Aussagen von Selenskyj und VuÄiÄ ĂŒberschattet â ein professionelles Versagen ersten Ranges, wie der Autor es nennt. Erschwerend komme hinzu, dass Martens' Formulierung der russischen Propaganda ein fertiges Zitat geliefert habe, das das seit Langem verbreitete Narrativ stĂŒtze, der Westen wolle nicht nur die Ukraine verteidigen, sondern Russland als solches vernichten.
Gotev verweist zudem auf einen Aspekt, den russische Stellen genĂŒsslich aufgriffen: Martens' GroĂvater, Hans-Hermann Martens, war NSDAP- und SA-Mitglied, wurde 1936 von Hitler zum Staatsanwalt ernannt und diente ab 1941 im WehrmachtfĂŒhrungsstab unter Alfred Jodl; spĂ€ter fĂ€llte er als MilitĂ€rrichter Todesurteile gegen Deserteure. Diese Familiengeschichte nutzten russische Vertreter, angefĂŒhrt von Sacharowa, um Martens als «Nachfahren eines Nazis» zu brandmarken. Gotev betont gleichwohl, dass Kriege brutal seien und die Ukraine jedes Recht habe, sich zu verteidigen â die Sprache der totalen Vernichtung sei jedoch, selbst nachtrĂ€glich relativiert, nicht die Sprache verantwortungsvollen Journalismus.
«AbgrĂŒnde eigener, ungesĂŒhnter deutscher Schuld»
Auch innerhalb Deutschlands sorgte der Auftritt fĂŒr heftige Debatten. Die Nachdenkseiten bezeichneten die Frage Martens' gar als «bestialisch». Thomas Fasbender wiederum ordnete ihn in einem Meinungsbeitrag (siehe auch hier) fĂŒr die Berliner Zeitung in einen gröĂeren historischen Kontext ein und fragte pointiert, wie es sein könne, dass ein deutscher Journalist und langjĂ€hriger FAZ-Redakteur dem ukrainischen PrĂ€sidenten öffentlich die Frage stelle, was die EuropĂ€er konkret tun könnten, um ihm zu helfen, «mehr Russen zu töten». Da tĂ€ten sich «AbgrĂŒnde eigener, ungesĂŒhnter deutscher Schuld auf», so Fasbender. Und weiter:
«âčWas können wir EuropĂ€er konkret tun, um Ihnen zu helfen, mehr Russen zu töten?âș Logisch, dass Martens nicht âčwir Deutscheâș sagt. Da wirkt das Tabu noch. Die VergangenheitsbewĂ€ltigung. FĂŒr uns Deutsche gilt âčNie wiederâș. Als EuropĂ€er sieht das schon anders aus. Da darf man wĂŒnschen.
Und dem WĂŒnschen sind keine Grenzen gesetzt.
Wer in die anonymen AbgrĂŒnde des Internets taucht, stöĂt auf TodeswĂŒnsche und Russenhass jenseits aller RationalitĂ€t (...) Wahrscheinlich ist er [= Martens] kein Russenhasser; ich wĂŒrde ihm das keineswegs unterstellen. Es geht um ganz anderes. Der 1973 geborene Enkel weiĂ: Ăhnlich Tausenden anderen wurde der GroĂvater viel zu milde bestraft, nĂ€mlich gar nicht. In der Bundesrepublik wurde er SenatsprĂ€sident.
âčWie viele Todesurteile gegen ergriffene Deserteure mein GroĂvater gefĂ€llt hat, weiĂ ich nichtâș, schrieb der Enkel vor zwei Jahren. Sein Blick in die Vergangenheit ist mit dem GefĂŒhl von ungerechter Milde assoziiert â das darf sich nicht wiederholen. Der Ruf nach Strafe fĂŒr Russland und die Russen befriedigt dieses ungestillte BedĂŒrfnis nach SĂŒhne fĂŒr die eigene, kollektive und in Martens' Fall familiĂ€re Schuld. Der Gerechtigkeitsfrust aus der eigenen, deutschen Geschichte wird auf eine andere, die russische Geschichte projiziert.»
Ungleiches MaĂ: Wenn kritische Russland-Korrespondenten ihr Konto verlieren
Bemerkenswert erscheint vor diesem Hintergrund auch, dass Martens trotz einer derart menschenfeindlich anmutenden ĂuĂerung in Deutschland kaum berufliche Konsequenzen zu befĂŒrchten scheint, wĂ€hrend andere Journalisten, die differenziert ĂŒber den Ukraine-Russland-Krieg berichten, handfeste wirtschaftliche Sanktionen im eigenen Land erfahren haben.
So wurde dem seit den 1990er-Jahren aus Moskau berichtenden freien deutschen Journalisten und Buchautor Ulrich Heyden im MĂ€rz 2026 von seiner langjĂ€hrigen Hausbank, der Hamburger Sparkasse, das seit Jahrzehnten bestehende Konto gekĂŒndigt. Als BegrĂŒndung nannte ihm ein Bankmitarbeiter am Telefon die EU-Sanktionen gegen Russland; Heyden lebe in einem «Hochrisikoland». Konkrete VorwĂŒrfe gegen ihn persönlich wurden dabei nicht erhoben (TN berichtete).
Heyden wandte sich daraufhin in einem offenen Brief an BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier und schrieb, die KĂŒndigung sei geeignet, seine Existenz zu zerstören, und widerspreche den GrundsĂ€tzen der Demokratie und der Pressefreiheit. Besonders bemerkenswert ist dabei seine Beobachtung, dass er nicht der erste Fall dieser Art sei: Bereits zuvor waren seinen Kollegen Thomas Röper und Alina Lipp, die ebenfalls aus Russland berichten, die Konten gekĂŒndigt worden (TN berichtete ebenfalls). Und auch dem Berliner Journalisten HĂŒseyin DoÄru wurde im Rahmen von EU-Sanktionen das Konto gesperrt, in diesem Fall aufgrund von Berichten ĂŒber Israel und PalĂ€stina.
Heyden kritisierte in diesem Zusammenhang deutlich, dass ausgerechnet ihnen dreien, die ĂŒber Russland «mit VerstĂ€ndnis und nicht mit Schaum vor dem Mund» berichteten, die Konten gekĂŒndigt wĂŒrden. Dabei erwĂ€hnt er sogar auch die FAZ:
«Dass man ausgerechnet uns drei fĂŒr KontokĂŒndigungen auswĂ€hlt und nicht die Moskau-Korrespondenten der Zeit, der FAZ, des ZDF und der ARD, liegt auf der Hand. Wir drei berichten ĂŒber Russland mit VerstĂ€ndnis und nicht mit Schaum vor dem Mund. Doch VerstĂ€ndnis passt nicht zu der von der Bundesregierung geforderten KriegsertĂŒchtigung. Wie geht das an, Herr Steinmeier?»
Womit muss Martens jetzt juristisch rechnen?
Was Martens und das juristische SĂ€belrasseln aus Moskau angeht, so riskiert der Anfang FĂŒnfzigjĂ€hrige eine Festnahme oder Auslieferung, sobald er in einen Staat reist, der mit Russland ein Rechtshilfe- oder Auslieferungsabkommen pflegt beziehungsweise eng mit Moskau kooperiert â etwa Belarus oder bestimmte GUS-Staaten. Auch bei Zwischenlandungen in solchen LĂ€ndern könnte es heikel werden.
Russland kĂŒndigt auch an, eine internationale Ausschreibung zu prĂŒfen. Ein «Red Notice» bei Interpol ist zwar rechtlich möglich, wird aber von Interpol in politisch motivierten FĂ€llen â und dies dĂŒrfte ein solcher sein â hĂ€ufig zurĂŒckgewiesen, da Interpols Statuten die Nutzung fĂŒr politische, militĂ€rische, religiöse oder rassistische Verfolgung ausdrĂŒcklich verbieten (Art. 3 der Interpol-Statuten). Die Erfolgsaussichten Moskaus, eine tatsĂ€chlich vollstreckbare Fahndung durchzusetzen, sind also eher gering, wenn auch nicht bei null.
Das eigentliche Ziel dĂŒrfte unterdessen weniger die reale Festnahme sein als die öffentliche EinschĂŒchterung â vergleichbar mit Ă€hnlichen Verfahren, die Russland in den letzten Jahren gegen westliche Journalisten, Politiker oder Aktivisten eingeleitet hat, ohne dass es je zu einer tatsĂ€chlichen Vollstreckung kam.