Neutral dem Recht nach â unglaubwĂŒrdig in der Welt
Der Schweizer AuĂenminister, Bundesrat Ignazio Cassis (FDP/Tessin) prĂ€sentiert sich dieser Tage als BrĂŒckenbauer. Vier Stunden GesprĂ€ch mit Sergei Lawrow, seit MĂ€rz 2004 der AuĂenminister der Russischen Föderation, das Versprechen von freiem Geleit fĂŒr einen international geĂ€chteten AuĂenminister, dazu der Versuch, die OSZE wieder als Vermittlungsplattform zu beleben. Das alles klingt nach klassischer Schweizer AuĂenpolitik. Ist es aber nicht mehr.
Denn das Problem der Schweiz liegt heute nicht im Völkerrecht â dort bewegt sie sich formal korrekt unter den PrĂ€missen eines neutralen Landes. Das Problem liegt in der Wahrnehmung. Und die ist fatal: Die Schweiz wird nicht mehr als neutral angesehen.
Seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine hat sich Bern politisch klar im westlichen Lager positioniert. Die Ăbernahme der EU-Sanktionen, die militĂ€rische AnnĂ€herung an die NATO, gemeinsame Ăbungen, sicherheitspolitische Rhetorik im Gleichklang mit BrĂŒssel und Washington â all das mag innenpolitisch opportun gewesen sein. AuĂenpolitisch hat es einen Preis. Die Schweiz gilt in Moskau nicht mehr als unabhĂ€ngige Akteurin, sondern als Teil des westlichen Blocks mit Sonderstatus.
Cassis versucht nun, diesen Vertrauensverlust mit persönlicher Diplomatie zu kompensieren. Doch wer zu spĂ€t merkt, dass NeutralitĂ€t mehr ist als RechtskonformitĂ€t, kommt mit Symbolpolitik nicht weit. Das Angebot an Lawrow wirkt weniger wie souverĂ€ne Vermittlung, sondern wie der Versuch, verlorene Relevanz zurĂŒckzugewinnen.
Besonders problematisch ist dabei die Rolle der OSZE, der Organisation fĂŒr Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa mit Sitz in Wien, deren eigentlicher Sinn darin bestand, durch politischen Dialog, KonfliktprĂ€vention, RĂŒstungskontrolle, Vertrauensbildung sowie die Förderung von Menschenrechten und Demokratie umfassende Sicherheit in Europa zu schaffen (hier ein ausfĂŒhrlicher Bericht). Cassis stellt sie als neutrales Forum fĂŒr eine neue europĂ€ische Sicherheitsarchitektur dar. In der RealitĂ€t aber ist auch die OSZE lĂ€ngst Teil der Blocklogik geworden â und wird von Russland genauso wahrgenommen. Kritik an der Organisation greift deshalb zu kurz. Wer ehrlich ist, muss sagen: Auch die Schweiz selbst hat ihre Sonderrolle beschĂ€digt.
Die Konsequenzen sind sichtbar. Zentrale GesprĂ€che finden lĂ€ngst anderswo statt â in Istanbul, in Riad, in den Emiraten. Nicht in Genf, nicht in Lugano, nicht in Bern. Die Schweiz sitzt nicht mehr automatisch am Tisch, wenn es ernst wird. Sie wird eingeladen â oder eben nicht.
Elina Valtonen, Finnlands AuĂenministerin und OSZE-Vorsitzende vor Cassis, bemĂŒhte sich gar nicht um eine Vermittlung â sie reiste nicht nach Moskau. Das immerhin tat Cassis nun. Er hĂ€lt Russland dabei das Völkerrecht vor, was richtig ist. Gleichzeitig signalisiert er Dialogbereitschaft, was notwendig wĂ€re. Doch beides zusammen entfaltet keine Wirkung mehr, weil die GlaubwĂŒrdigkeit fehlt. Vermittler mĂŒssen nicht nur recht haben â sie mĂŒssen auch akzeptiert sein.
NeutralitĂ€t ist kein juristischer Zustand, sondern ein politisches Kapital. Die Schweiz hat es ĂŒber Jahre aufgebaut und in kurzer Zeit stark angekratzt. Ignazio Cassis ist dafĂŒr nicht allein verantwortlich. Aber er steht heute dafĂŒr ein. Und er muss sich fragen lassen, ob sein Seiltanz nicht lĂ€ngst ĂŒber einem Abgrund stattfindet, den er selbst mitgeschaffen hat.