Die gefÀhrlichen Verlockungen des Staatsfernsehens
Wer, wie ich selber, einmal als Reporter im Schweizer Fernsehen gearbeitet hat, weiĂ, wie der staatliche Sender mit Menschen umgeht, die er weltanschaulich nicht mag. Wer das nicht weiĂ, muss die Erfahrung wohl einmal machen. Davon handelt diese Geschichte.
Prisca, Roman und Christian gehören der «Graswurzle» an, einer freiheitlich gesinnten Gruppierung aus der Coronazeit. AuĂerdem zeichnen die drei fĂŒr die Monatszeitschrift Die Freien verantwortlich. Eines Tages erhalten sie die Anfrage eines Fernsehsenders. Sie werden mit freundlichen Worten gefragt, ob sie Teil einer Reportage sein möchten, die sich mit den durch Corona entstandenen unvereinbaren Fronten befasst.
Der Fernsehsender ist aber kein Privatsender. Es ist DER Sender der Schweiz. Donat Hofer ist Filmemacher bei SRF. Er wolle darĂŒber sprechen, erklĂ€rt er sein Filmprojekt, wie man sich noch verstĂ€ndigen kann, wenn «die Vorstellung davon, was richtig und falsch ist, so stark auseinandergeht».
Donat setzt, wie er schreibt, «auf gegenseitiges Zuhören und Verstehen wollen», und er verspricht eine «Begegnung auf Augenhöhe». Das wÀre eigentlich selbstverstÀndlich. Warum muss der Filmemacher es so betonen?
Roman, der das Mail liest, spĂŒrt vielleicht mehr, als er wissen kann. In einem ersten Impuls will er die Anfrage löschen. Aber Prisca, Christian und er mĂŒssen gemeinsam beschlieĂen, wie sie antworten sollen. WĂ€hrend sie noch am Besprechen sind, ruft der Fernsehmann Prisca an. WĂ€hrend fast einer Stunde versucht er ihr zu vermitteln, dass es nicht seine Absicht sei, sie in einem schlechten Licht darzustellen. Seine Hoffnung sei es, erklĂ€rt er, einen Dialog zustandezubringen, eine BrĂŒcke zwischen den Fronten zu bauen.
Gleich zu Beginn trĂ€gt er Prisca das Du an â «weil wir doch letztlich das Gleiche wollen: Uns gegenseitig besser verstehen, oder nicht?» Prisca schenkt ihm Vertrauen, und sie beschlieĂen, beim Filmprojekt mitzumachen. Die Gelegenheit, dem Mainstreampublikum ihre Sichtweise nĂ€herzubringen, wollen sie nicht ungenutzt lassen.
Schon um 8 Uhr morgens will der Filmemacher bei ihnen im Urnerland sein, wo die «Graswurzle»-Bewegung ihren Sitz und ihre Adresse hat. Doch der SRF-Mann erscheint erst mit fast einer Stunde VerspĂ€tung. Die Wartenden erleben bereits vor der Ankunft des Journalisten, dass er vor ihnen keinen groĂen Respekt hat. Als mĂŒssten sie dankbar und froh sein, dass er zu ihnen kommt.
Roman â so wird er dies spĂ€ter erzĂ€hlen â findet das Verhalten des Fernsehmannes vom ersten Moment an grenzĂŒberschreitend. Der Typ macht auf Kumpel, der er nicht ist, und bewegt sich in der Redaktion von Die Freien, als hĂ€tte er dazu jedes Recht. Er filmt penetrant und fast pausenlos und ist es offensichtlich gewohnt, dass die Gefilmten alles brav mitmachen.
Was die drei Graswurzle-Menschen zu sagen haben, will er nicht wirklich wissen. Sobald sie auf Corona zu sprechen kommen, weicht er aus, und wenn sie wichtige kritische Stimmen zitieren, gibt er bloà zu erkennen, dass er all diese Namen noch nie gehört hat. Nicht einmal die Rolle eines Bill Gates wÀhrend der Pandemie ist ihm bekannt.
Die drei Medienschaffenden gewinnen den Eindruck eines unprofessionellen und unvorbereiteten Journalisten, der ĂŒberhaupt gar nicht zuhören will, sondern lieber streitet, und Prisca, Roman und Christian herablassend vorwirft, sie seien bei Corona «auf dem falschen Weg abgebogen».

SRF-Journalist Donat Hofer nach seinem Besuch bei den «Verschwörungstheoretikern», die keine sind (Bild: Screenshot «Im Sog der Verschwörungstheorien», SRF)
Als er am Ende des Tages mit mehreren Stunden Filmmaterial wieder abzieht, geht es den ZurĂŒckgebliebenen schlecht. Sie fĂŒhlen sich manipuliert und missbraucht, und sie teilen dem Fernsehmann mit, dass sie ihr EinverstĂ€ndnis zurĂŒckziehen.
Das ertrĂ€gt dieser Donat Hofer nun gar nicht. Er telefoniert mit Prisca und versucht sie mit einem geradezu hektischen Eifer zu ĂŒberzeugen, ihm eine zweite Chance zu geben. Es tue ihm leid, argumentiert er, wenn der Eindruck entstanden sei, er wolle sie in die Pfanne hauen. Das sei nicht seine Absicht. «Ich möchte euch wirklich verstehen», beteuert er wortreich. «Ich verspreche euch eine faire Darstellung, da machen wir etwas Schönes draus, das wird eine gute Sache!»
Wiederum bekommt Prisca den Eindruck, er meine seine Beteuerung ernst, und sie vereinbart mit ihm einen zweiten Drehtag. Diesmal trifft Donat pĂŒnktlich ein, und er scheint sich tatsĂ€chlich vorgenommen zu haben, auf seine Gastgeber zuzugehen. Er hat sich von ihnen auch bereitwillig eine umfangreiche Dokumentation zusenden lassen, die einen alternativen Blick auf die Corona-Zeit wirft.
Als sie ihn darauf ansprechen, gibt er freimĂŒtig zu, dass er noch nicht dazukam, darin zu lesen. Doch die drei geben sich damit zufrieden. Neues Misstrauen hegen sie nicht, denn dieser zweite Drehtag verlĂ€uft tatsĂ€chlich aufbauender als der erste. Donat Hofer hört ihnen zu und vermittelt ihnen den Eindruck, er nehme sie ernst. Die Stimmung ist so gelöst, dass Prisca und Roman den SRF-Mann bei sich zuhause zum Mittagessen einladen. Man versteht sich prĂ€chtig, ein gutes GesprĂ€ch entsteht und bei Jean Zieglers Kapitalismuskritik findet man sogar gemeinsame Nenner. Jedenfalls kommen Prisca und Roman zusammen mit Christian danach zum Schluss, ihre Zustimmung nicht mehr zurĂŒckzuziehen. Sie glauben, dass sie viele wichtige Aussagen einbringen konnten, die durch den Fernsehfilm eine breite Ăffentlichkeit erreichen.
Das von ihnen Gesagte, das ist ihnen klar, wird nicht ungekĂŒrzt ausgestrahlt werden. Aber zumindest kommt ihre Stimme im Mainstream zu Wort. Sie glauben auch den Versicherungen des SRF-Mannes, dass er ihnen soweit als möglich gerecht werden wolle. Sie begnĂŒgen sich mit dem ZugestĂ€ndnis des Fernsehens, ihre im Film gemachten ĂuĂerungen in schriftlicher Form zu erhalten. Den ganzen Film bekommen sie vor der Ausstrahlung nicht zu sehen. Offenbar ist das beim Fernsehen so ĂŒblich.
Als sie ihre Aussagen schwarz auf weiĂ lesen, erschrecken sie. Das meiste, was sie an alternativen Fakten ĂŒber Corona und andere Themen dargelegt haben, wurde vom Filmemacher gestrichen. Von den fast achtstĂŒndigen Filmaufnahmen hat er hauptsĂ€chlich jene Szenen verwendet, wo er mit Prisca, Roman und Christian pauschal ĂŒber Journalismus und Wissenschaft streitet â und darĂŒber, dass man sich zwar menschlich sympathisch sein mag, in der Sache aber keine VerstĂ€ndigung findet.
Donat Hofer macht ihnen klar, dass er die verwendeten Filmaufnahmen nicht mehr ergĂ€nzen oder erweitern wird. MĂŒssen sie das zusammengestauchte Endresultat also schlucken? Noch immer im Glauben, er wolle ihnen nicht wirklich schaden, fragen sie ihn, was fĂŒr Möglichkeiten ihnen noch bleiben. Doch der vorher so kollegial auftretende SRF-Journalist ist auf einmal nicht mehr gesprĂ€chig. Er gibt ihnen keine Antwort.
Trotzdem entscheiden sich Prisca, Roman und Christian, nichts mehr zu unternehmen. Auch wenn der Filmemacher das meiste weggekĂŒrzt hat â zu ihren noch verbliebenen Aussagen können sie stehen. Wie er ihre Worte einordnen, wie er sie kommentieren wird, wissen sie allerdings nicht.

Prisca und Christian beim Betrachten der neuen Nummer von Die Freien (Bild: Screenshot «Im Sog der Verschwörungstheorien», SRF)
Dann meldet sich Donat wieder und kĂŒndigt ihnen die Ausstrahlung des Filmberichts an. Er habe versucht, das Ganze so ausgewogen wie möglich zu machen, aber â so schreibt er weiter â «ihr werdet vermutlich keine grosse Freude haben daran».
Als sich dann Prisca, Roman und Christian den Filmbericht anschauen, ist ihre Betroffenheit groĂ. Donat hat ihnen verschwiegen, dass der Film zum Auftakt einer SRF-Themenwoche gesendet wird, die sich mit der Fragestellung «Fakt oder Fake?» befasst. Dies allein lĂ€sst schon Schlimmes befĂŒrchten. Was die drei aber noch mehr empört, ist der nun gewĂ€hlte Titel der Reportage: «Im Sog der Verschwörungstheorien â Wenn Misstrauen das Weltbild prĂ€gt».
Das Endprodukt selbst bestĂ€tigt die ungute Vorahnung. Aus dem Versprechen des SRF-Mannes, mit der Sendung eine BrĂŒcke bauen zu wollen, wurde ein Beitrag, der Prisca, Roman und Christian als politisch naive und zugleich unberechenbare Medienschaffende darstellt, die in den «Sog» von Verschwörungstheorien geraten sind.
Die drei sehen sich auch missbraucht fĂŒr die SRF-Propaganda gegen die Halbierungsinitiative, die dem Staatsfernsehen einen Teil der ZwangsgebĂŒhren wegnehmen will. Nicht zufĂ€llig wurde die Themenwoche im Vorfeld der Abstimmung ausgestrahlt. Zusammen mit Gleichgesinnten in den anderen Teilen des Filmberichts sollen die drei als warnende Beispiele dienen fĂŒr Zeitgenossen, die an «Fake News» statt an die Wahrheit glauben. Und die Wahrheit kennt nur das staatliche Fernsehen.
Die drei mĂŒssen erkennen, dass ihr vermeintlich netter Kollege von nebenan sie schamlos hinters Licht gefĂŒhrt hat. Derselbe Typ, der vor allem Prisca dafĂŒr kritisierte, dass ihre ganze Haltung geprĂ€gt sei von Misstrauen, hat das Vertrauen, das sie ihm schenkte, benutzt, um den Film zu drehen, den seine Vorgesetzten von ihm erwarteten.
Dass auch er selber hinter seinem Filmbericht steht, zeigen nicht nur die von ihm gesprochenen Kommentare, sondern auch seine Fragen im GesprĂ€ch mit einem «Experten» einige Tage spĂ€ter. Der Herr heiĂt Dirk Bayer. Er soll die Ăusserungen der Protagonisten im Film als Kriminologe beurteilen.

Donat Hofer fragt den Kriminologen Dirk Bayer, ab wann Verschwörungstheoretiker «gefÀhrlich» sind (Bild: Screenshot «Im Sog der Verschwörungstheorien», SRF)
Allein schon die Wahl eines Dozenten fĂŒr Kriminalistik verdeutlicht, in welch trĂŒbes Licht Menschen gerĂŒckt werden sollen, die dem Mainstream verloren gingen. Und offenbar ist Dirk Bayer genau der richtige Mann.
ZunÀchst unterstellt er Prisca und ihren Mitstreitern wörtlich, mit ihrer Systemkritik die Demokratie zu «zersetzen». Als ihn Donat Hofer dann fragt, ab wann die Kritik «gefÀhrlich» werde, erwidert der deutsche Professor, ohne mit der Wimper zu zucken: Eine Kritikerin wie Prisca könne zwar nicht direkt als gefÀhrlich bezeichnet werden. Aber in ihrem Schlepptau könnten sich Radikalere mobilisieren, die das System dann tatsÀchlich angreifen. Mit anderen Worten: Prisca, die Brandstifterin.
Donat Hofer widerspricht dem akademischen Scharfmacher nicht. In keiner Weise glaubt er, Prisca beschĂŒtzen zu mĂŒssen. Obwohl er in ihrer KĂŒche saĂ, ihren Kaffee trank und ihre kostbare Zeit stahl, lĂ€sst er den Satz, sie «zersetze» die Demokratie, einfach stehen. SpĂ€testens jetzt gibt der SRF-Journalist zu erkennen, dass er von Anfang an verliebt in sein Selbstbildnis war: in das tĂ€uschend jungenhafte Bild eines engagiert fragenden Hans Guck-in-die-Luft mit offenem Herzen, der in Wirklichkeit ganz genau weiĂ, was er von Mitmenschen hĂ€lt, die seine materialistische Weltsicht nicht teilen.
Obwohl sich Prisca, Roman und Christian von ihm hereingelegt fĂŒhlen, verteidigen sie ihre Zustimmung zur SRF-Reportage. Sie haben sich fĂŒr ein Ja entschieden, weil das staatliche Fernsehen «ausgewogen» und «objektiv» zu berichten hat. Deshalb haben auch sie den berechtigten Anspruch, ihre Haltung im Fernsehen erklĂ€ren zu können. Das SRF ist auch ihr Fernsehen. Weil auch sie die ZwangsgebĂŒhren bezahlen mĂŒssen.
Dass sie richtig entschieden haben, zeigt ihnen auch die groĂe Verbreitung des Filmberichts. Allein auf YouTube haben ihn ĂŒber 18.000 Menschen gesehen; ĂŒber 2.000 haben ihn kommentiert, nicht zu reden von all den Tausenden, die sich ihn im Fernsehen angeschaut haben.
Unter all diesen Menschen waren natĂŒrlich viele, die so denken wie Prisca, Roman und Christian. Sie haben sich durch das Gehörte in ihrer eigenen Haltung bestĂ€tigt gefunden. Und geĂ€rgert haben auch sie sich ĂŒber das staatliche Fernsehen, das kritische Zeitgenossen ein weiteres Mal zu «Verschwörungstheoretikern» macht. Manche haben darauf sofort ein Abonnement fĂŒr Die Freien gelöst. Mit Genugtuung stellt die Redaktion fest, dass zurzeit tĂ€glich neue Abonnenten hinzukommen.
Doch vor allem haben Menschen den Film gesehen, die man dem Mainstreampublikum zurechnen darf. Einen anderen Grund fĂŒr die groĂe Zuschauerzahl kann es nicht geben. Die Sympathie dieser Mehrheit, so lĂ€sst sich fast mit Sicherheit sagen, gehört aber nicht den kritischen Protagonisten, sondern dem Filmemacher. Viele Zuschauerkommentare sagen dasselbe wie er. Sie spotten ĂŒber die Graswurzle-Menschen und werden am 8. MĂ€rz mit derselben Ăberzeugung wie vorher gegen die Initiative stimmen, die ihnen ihr Fernsehen kaputtmachen will.
Bestimmt wird es auch Menschen im Mainstreampublikum geben, die der Film zu Gedanken anregt. Zu kritischen Gedanken. Aber das werden nicht viele sein. Denn der Film ist kein Film, der in der Mitte zwischen den Fronten steht. Er gibt dem unvoreingenommenen Zuschauer nicht die Möglichkeit, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Der Film ist ein SRF-Film, und fĂŒr die Verantwortlichen war von Anfang an klar, dass ein Propagandafilm daraus werden muss. Ihr Vorgehen war darauf angelegt, dass Prisca, Roman und Christian auf keinen Fall gut wegkommen dĂŒrfen.
Und so geschah es. Sie kamen schlecht weg. Zwar durften sie ein paar wichtige, gute SĂ€tze sagen. Aber diese paar guten SĂ€tze waren umzingelt von Propaganda. Auch der Druck, unter dem die Drei standen, das ihnen Wesentliche sagen zu können, war spĂŒrbar. Sie sind die «Freien», doch sie fĂŒhlten sich unfrei, ausgeliefert dem SRF-Mann, der sie zu Aussagen hinriss, die sie genauer hĂ€tten erklĂ€ren wollen. Aber das Wesentliche, wie gesagt, interessierte ihn gar nicht. Und er war der Regisseur. Er bestimmte den Lauf des GesprĂ€chs, das im Grunde ein Schlagabtausch ohne echte Substanz war. Ein psychologisches Katz-und-Maus-Spiel. Per Du.
Schuld daran, dass es so herauskam, waren sicher nicht Prisca, Roman und Christian. Aber sie haben mitgemacht. Sie stellten sich zur VerfĂŒgung.
***
Ich habe selber einst beim Schweizer Fernsehen gearbeitet. Als Reporter der «Tagesschau». Und ich habe mich wiedererkannt. In Donat. Denn so war es doch: Wenn du als SRF-Mensch irgendwo aufkreuzest, dann bist du wer. Dann bist du einer vom Fernsehen. Von DEM Fernsehen. Das gibt dir von vornherein ein Prickeln von Macht. Besonders bei politischen Themen. Dann hast du schon bei der Ankunft am Drehort eine klare Vorstellung davon, was du ins Studio zurĂŒckbringen willst. Welche Aussage du vermutlich verwenden und welche du löschen wirst. Du gibst dich offen und lernbereit, obwohl dein Urteil vom ersten Moment an feststeht.
Sind es politische Gegner, mit denen du sprichst, dann weiĂt du zwar, dass sie gegen dich sind. Aber gleichzeitig bist du einer vom Fernsehen, und du spĂŒrst, sie wollen im Fernsehen kommen, weil es DAS Fernsehen ist, und weil sie die Chance, das ganz groĂe Publikum zu erreichen, trotz allem nutzen wollen.
Dann beginnst du zu filmen und du weiĂt ganz genau, die Gefilmten fĂŒhlen sich wertgeschĂ€tzt, dass du sie filmst, sie fĂŒhlen sich wichtig genommen. Schon hast du sie in der Hand. Und weil du der Profi bist und die PortrĂ€tierten die Laien, kannst du sie filmen im schlechten Licht, du kannst das Zittern der HĂ€nde filmen, das Stottern beim Reden, das bleiche Gesicht: Sie merken es nicht. Und wieder im Studio, kannst du alles so schneiden, kĂŒrzen und zwischenschneiden, wie es deiner Gesinnung entspricht.
Was fĂŒr ein Traumjob. Mit ihren ZwangsgebĂŒhren bezahlen dich deine Zuschauer dafĂŒr, dass du mit deinen Filmen deine Weltanschauung verbreiten darfst. Auch wenn sie deine Weltanschauung nicht mögen. Sie garantieren dir Arbeitsbedingungen, die du sonst vielleicht nirgends findest.
Donat Hofer, der SRF-Mann, hat Roman verraten, dass er fĂŒr seinen Filmbericht 28 Arbeitstage bezahlt erhĂ€lt. Exklusiv Spesen. Einen solchen Job gibst du nicht freiwillig her. Da trifft es sich, dass du die gleiche Weltsicht hast wie dein Arbeitgeber. Und solltest du jemals Zweifel bekommen, steckst du sie besser gleich weg.
So war es schon damals, als ich fĂŒr die Tagesschau unterwegs war â so ist es noch heute, Jahrzehnte spĂ€ter. Donat Hofer hat es mir vorgefĂŒhrt. GeĂ€ndert hat sich seither wohl nur, dass seine Stelle nicht mehr so sicher ist, wie es meine war. Auch deshalb muss er so krĂ€ftig die Trommel der Propaganda rĂŒhren. Damit er auch nach dem 8. MĂ€rz als sympathischer Kumpel im Dienste des Mainstreams auf Reportage gehen darf.
***
Was aber lernen Menschen, die selber kritische Fragen stellen, aus der Erfahrung von Prisca, Roman und Christian? Sie lernen, dass kritisches Denken geschĂŒtzt werden muss. Sie lernen, dass es sich nur entfalten und nur entdeckt werden kann, wenn es seinen eigenen Raum hat. Wenn es umgeben von Wohlwollen ist, von echtem Interesse, von Neugier, von Inspiration und von Liebe. Im Mainstream findet man diese WertschĂ€tzung nicht.
FĂŒr ein freies Denken sind die Mainstreammedien feindliche Territorien. Sie reden es schlecht, sie verunglimpfen es, sie warnen davor, sie greifen es an, sie verschweigen es, sie bekĂ€mpfen es â sie können es nicht ertragen. Wer als freier, kritischer Mensch den Schalmeientönen des Mainstreams folgt, hat schon verloren.
Prisca, Roman und Christian versuchten es. Sie wollten die Chance nutzen, ihr Denken im Fernsehen erklĂ€ren zu können. Ob es richtig war, dies zu tun, ist eine mĂŒĂige Frage. Sie haben es getan, und was geschehen ist, hat seinen Sinn. Vielleicht liegt der Sinn ihrer Erfahrung darin, einer nĂ€chsten Verlockung zu widerstehen. Denn die Chance ist in Wirklichkeit eine Falle.
Deshalb: Wenn das Fernsehen kommt und dir ein Angebot macht â sag Nein! Das Fernsehen meint es nicht gut. Weil es dich nicht versteht. Weil du sein Weltbild bedrohst.
Du willst die Menschen im Mainstream erreichen? Dann bleibe auf deinem Weg. Gehe voran, bis sie dich finden.
Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen BĂŒchern wahre Geschichten zu erzĂ€hlen begann. In seinem zweiten Beruf gestaltet er freie Trauungen, Taufen und Abdankungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wald und in Segnas.
Der FĂŒnf Minuten-Podcast «Mitten im Leben» von Nicolas Lindt ist zu finden auf Spotify, iTunes und Audible.
Neues Buch: «Orwells Einsamkeit - sein Leben, â1984â und mein Weg zu einem persönlichen Denken». ErhĂ€ltlich im Buchhandel - zum Beispiel bei Ex Libris oder Orell FĂŒssli
Alle weiteren Informationen: www.nicolaslindt.ch



âFirst, I got myself born.â Mit diesem ersten Satz macht Barbara Kingsolver in ihrem Roman âDemon Copperheadâ von Anfang an klar, dass Damon (wie der Protagonist eigentlich heiĂt) schon frĂŒh im Leben viel Verantwortung ĂŒbernehmen muss â zu viel. Der Roman liefert ErklĂ€rungsansĂ€tze fĂŒr die Wahl Donald Trumps und ist damit die klĂŒgere Alternative fĂŒr jene, die â wie ich â aus Ă€hnlichem Erkenntnisinteresse gerne zu âHillbilly Elegyâ von J. D. Vance greifen wĂŒrden, aber ungern Texte von AutoritĂ€ren lesen wollen.