Je lÀnger der Ukraine-Krieg dauert, desto dringender werden Verhandlungen
Der Ukraine-Krieg hat einen Punkt erreicht, an dem die politische Fantasie nicht lĂ€nger an der Front enden darf. Je lĂ€nger die KĂ€mpfe dauern, desto gröĂer wird nicht nur die Zahl der Opfer, sondern auch das Risiko, dass aus dem Krieg in der Ukraine ein direkter Konflikt zwischen Russland und der NATO wird.
Das Wall Street Journal berichtet unter Berufung auf US-Geheimdienstinformationen ĂŒber Szenarien, in denen Russland in den kommenden Jahren die Entschlossenheit der NATO testen könnte â von Cyberangriffen und hybriden Operationen bis zu einem begrenzten militĂ€rischen VorstoĂ. Als möglicher Zeitraum wird sogar der Herbst 2026 genannt.
Das ist keine Prognose, dass ein solcher Angriff bevorsteht. Aber es ist ein Warnsignal. Und es spricht nicht dafĂŒr, den Krieg auf unbestimmte Zeit weiterlaufen zu lassen.
Der ehemalige grĂŒne Schweizer Nationalrat, Arzt und Ehemann der moldauisch-österreichisch-schweizerischen Geigerin Patricia Kopatchinskaja, Lukas Fierz, warnt in seiner Analyse vor der Vorstellung, Russland könne durch weitere westliche UnterstĂŒtzung entscheidend geschlagen werden.
Seine These ist drastisch: Nach dem RĂŒckzug der USA drohe der Krieg zu einem europĂ€ischen Stellvertreterkrieg zu werden. Weitere UnterstĂŒtzung könne die ukrainische Verhandlungsposition sogar verschlechtern und den Krieg verlĂ€ngern. Fierz erwartet, dass die russischen KrĂ€fte die ukrainischen Verteidigungslinien spĂ€testens 2027 durchbrechen. Und dann kĂ€me ein Waffenstillstand aufs Tapet â zu deutlich schlechteren Bedingungen als 2022. Er weist auf konventionelle russische Waffen hin, die problemlos deutsche StĂ€dte erreichen können, und denen die NATO kaum etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen hat. Fierz weist auch darauf hin, dass das Reservoir an Soldaten in der Ukraine praktisch ausgeschöpft ist.
Fierz' EinschÀtzungen sind zugespitzt und teilweise spekulativ. Seine zentrale Frage aber verdient Beachtung: Was bringt eine Strategie, die immer stÀrker auf Waffen und Durchhaltewillen setzt, wenn ein militÀrischer Durchbruch nicht absehbar ist?
Auch Ralph Bosshard kommt in seiner Analyse zu einem ernĂŒchternden Befund. Der Westen habe der Ukraine viel versprochen, aber wenig gehalten. Die Folge sei politische Ratlosigkeit â und diese Ratlosigkeit trage dazu bei, dass der Krieg verlĂ€ngert werde.
Bosshard verweist zudem auf die Geschichte der Minsker Vereinbarungen. Der Waffenstillstand konnte die KĂ€mpfe zeitweise eindĂ€mmen, brachte aber keine dauerhafte politische Lösung. In den folgenden Jahren dokumentierte die OSZE weiterhin VerstöĂe gegen die Waffenruhe durch beide Seiten.
Gerade daraus lĂ€sst sich eine unbequeme, aber wichtige Lehre ziehen: Verhandlungen sind kein Synonym fĂŒr Kapitulation. Sie sind der Versuch, militĂ€rische RealitĂ€ten in eine politische Lösung zu ĂŒbersetzen.
Wer heute Verhandlungen fordert, muss deshalb weder Russland recht geben noch ukrainische Interessen kleinreden. Er muss lediglich anerkennen, dass Kriege irgendwann am Verhandlungstisch beendet werden, und dass die Alternative zu einem schwierigen Abkommen nicht automatisch ein guter militÀrischer Ausgang ist.
Im Gegenteil: Die aktuellen Warnungen machen Diplomatie dringlicher. Der Wall Street Journal-Bericht beschreibt wachsende Sorgen ĂŒber mögliche russische Aktionen gegen die NATO-Ostflanke. Damit verĂ€ndert sich die Rechnung. Jeder weitere Monat des Krieges bedeutet nicht nur weitere Tote und Zerstörung. Er erhöht auch die Gefahr von Fehlkalkulationen, Eskalationen und einer direkten Konfrontation zwischen Russland und dem Westen.
NatĂŒrlich bleibt die entscheidende Frage, ob Moskau ĂŒberhaupt zu einem tragfĂ€higen Abkommen bereit wĂ€re. Auch Kiew mĂŒsste schwierige Entscheidungen treffen. Territorien, Sicherheitsgarantien, Sanktionen und die europĂ€ische Sicherheitsordnung lassen sich nicht mit einem schnellen HĂ€ndedruck erledigen. Aber genau deshalb muss man anfangen.
Die Alternative lautet nicht «Frieden oder Sicherheit». Die wirkliche Alternative lautet zunehmend: Verhandeln, solange noch Spielraum besteht, oder darauf hoffen, dass der Krieg irgendwann von selbst eine Lösung produziert.
Darauf sollte sich Europa nicht verlassen. Die drei Quellen kommen aus unterschiedlichen politischen und analytischen Blickwinkeln, doch sie fĂŒhren zu einer gemeinsamen Frage: Wie lange kann die militĂ€rische Logik noch die Diplomatie ersetzen?
Wer eine weitere Eskalation verhindern will, sollte Verhandlungen deshalb nicht als SchwĂ€che behandeln. Diplomatie ist kein Geschenk an den Gegner. Sie ist der Versuch, einen Krieg zu beenden, bevor aus einem gefĂ€hrlichen Konflikt eine noch gröĂere Katastrophe wird.