Das andere «Wort zum Sonntag» oder: Alles Schall und Rauch?
Die Einladung in jener Chat-Gruppe war überaus wohlklingend und sicherlich auch wohlgemeint: Nach längerer Pause würde die Frau 'mal wieder ein Räucher-Ritual durchführen. Zu ihrer Abendveranstaltung könne jeder kommen, der sich dafür interessiert. Versprochen wurde immerhin eine tiefe Reinigung der Emotionen, verbunden mit sanfter spiritueller Berührung und bergender Gemeinschaft.
Die Farben und Motive der hinterlegten Bilder luden bereits zu vorauslaufendem Träumen ein und ließen auf Stunden der Glückseligkeit hoffen. Nun, meine eigenen spontanen Gedanken dazu waren eine Spur erdiger. Ich dachte daran, dass ich ja hin und wieder gerne eine gute Zigarre rauche, und schaute also im Internet, welches Lokal in jener Stadt denn Raucher-Stübchen, sogenannte Lounges, anbieten würde. Bei vieren wurde ich fündig.
Diese Entdeckungen teilte ich dann auch «der Gruppe» mit − und erntete die ganze Bandbreite an Reaktionen: von dicken Lach-Smileys über Kopfschütteln hin zu Zeichen und Worten der Entgeisterung; wobei ich mit Letzterem gut leben konnte. Denn das war ja von mir nicht unbeabsichtigt: diesen süßen Pathos zu ent-geistern.
Die Absicht der Veranstalterin war natürlich eine andere. Ihr Rauch und ihre begleitenden Ritualhandlungen sollte nicht nur zu einer entspannten Atmosphäre beitragen, sondern sie waren als eine Art von Medium konzipiert, das den Weg zu einer wie immer gearteten Übersinnlichkeit bahnen würde: zu übergeordneter, meta-physischer Wohligkeit. Man wirft seinen Wunsch in eine empfundene höhere Sphäre und erklärt den Vorgang selber zu einem spirituellen Ereignis. Die Frage wird zum Antwortgeschehen.
Das ist doch eher zirkelschlüssig, wie ich meine. Ich frage mich dann, warum es trotzdem so oft «funktioniert» und viele Menschen sich darauf einlassen. Da gäbe es jetzt eine ganze Reihe von Gründen aufzuzählen. Einen wichtigen sehe ich in der oben beschriebenen suggestiven Nettigkeit, mit der solche Dinge angepriesen werden. Wer wünscht sich das nicht: seine Emotionen sanft gebürstet bekommen, in eine stimmige Gemeinschaft eintauchen, Streicheleinheiten fürs eigene Gemüt ernten dürfen.
Ja, so funktioniert Religion: Besondere Menschen vollführen besondere Handlungen, welche die gewöhnlichen Bedürfnisse gewöhnlicher Menschen aufgreifen und weiterzuführen versprechen. So möge es denn auch geschehen, sagen sich der sehnsüchtige wie zahlende abendliche Kunde und die Kundin − und schon schließt sich der Kreis der Wahrnehmung und Nicht-Argumentation.
Auf diese Zusammenhänge bin ich neu aufmerksam geworden durch das Pauluswort aus dem Anfang vom Kolosserbrief, wo es ebenfalls um die großen Zusammenhänge und unsere kleinen Horizonte geht:
«In ihm», in Christus, sagt Paulus, «liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis.» Und: «Ich sage das, damit euch niemand betrüge mit verführerischen Reden.» Kolosser 2,3.4
Der große Horizont: «alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis» in Christus; unsere kleinen Horizonte: unsere Anfälligkeit für «einnehmende Trugschlüsse», wie man das griechische Wort πιθανολογίᾳ (pithanologia) ebenfalls übersetzen kann. Niemand «betrüge» die Menschen damit: Keiner soll sie damit «überlisten, täuschen, übers Ohr schlagen» (παραλογίζεσται).
Was haben jene Rituale damit zu tun? Formal laufen sie gerne auf die beschriebenen Zirkelschlüsse hinaus, und inhaltlich lenken sie ab von dem Ort der eigentlichen Weisheit und Erkenntnis: dem auferstandenen Christus. Wer der ist, das sagt (oder zitiert) Paulus in hymnischer Sprache wenige Abschnitte vorher:
«Er ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde.
Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten,
auf dass er in allem der Erste sei.
Denn es hat Gott gefallen, alle Fülle in ihm wohnen zu lassen
und durch ihn alles zu versöhnen zu ihm hin,
es sei auf Erden oder im Himmel,
indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.» Kolosser 1,18-20
Und was fangen wir nun mit dieser anderen Art von Pathos an? Ist das auch nur in den Wind gesprochen und wie so manches, das man sich vorstellt oder wünscht, nur «Schall und Rauch»? Für sich genommen ist es das; durchaus. Das Bekenntnis des einen muss noch lange nicht der Stand des anderen sein, am wenigsten über bloßes Nachplaudern.
Es gibt Pillen, die sind einfach nicht dazu gedacht, dass man sie nur herunterschluckt. Sondern man soll sie sich im Mund zergehen lassen, so dass sie bereits und umso intensiver über die Schleimhäute aufgenommen werden. − Ein vielleicht ungewöhnliches, aber, wie ich hoffe, hilfreiches Bild für das stille Wirkenlassen des Wortes «im Geist und in der Wahrheit» (Johannes 4,24). Andere Menschen weisen einen vielleicht darauf hin, aber sie bewirken und vermitteln nichts. Kein Rauch, kein Ritual, keine Session sind dafür nötig. Es reicht, wenn wir betend hinhören. Die Wirkung spricht dann für sich.
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Das andere «Wort zum Sonntag» vom 2. August 2026: «Die Autofahrerkapelle am Wattenscheider Hellweg»
Lothar Mack war als Gemeindepfarrer und bei verschiedenen Hilfswerken und Redaktionen tätig. Sein kritischer Blick auf Kirche und Zeitgeschehen hat ihn in die Selbständigkeit geführt. Er sammelt und ermutigt Gleichgesinnte über Artikel und Begegnungen und ruft in Gottesdiensten und an Kundgebungen zu eigenständigem gläubigem Denken auf. Sein Telegram-Kanal lautet StimmeundWort.