Die NeutralitÀt als Gummibegriff
Bundesrat Ignazio Cassis hat an seiner Medienkonferenz zur NeutralitĂ€tsinitiative ein bemerkenswertes KunststĂŒck vollbracht: Er erklĂ€rte ausgerechnet die Unbestimmtheit der NeutralitĂ€t zu ihrer StĂ€rke. Die Initiative, so Cassis, wolle eine «neue NeutralitĂ€t».
TatsĂ€chlich will sie vor allem eines: die NeutralitĂ€t dem wechselnden politischen Ermessen ein StĂŒck weit entziehen und zentrale Regeln in der Verfassung festhalten, wie sie seit der GrĂŒndung der Eidgenossenschaft als ungeschriebene GrundsĂ€tze galten.
FĂŒr Cassis ist genau das die Gefahr. Die Schweiz mĂŒsse «auf kĂŒnftige Krisen angemessen reagieren» können. «Jede Krise ist anders, jeder Konflikt ist anders.» Deshalb brauche der Bundesrat Spielraum. Das klingt vernĂŒnftig. Aber es verdreht das Wesen der NeutralitĂ€t.
Denn NeutralitĂ€t entfaltet ihren Wert gerade dadurch, dass sie nicht jeden Montag neu erfunden wird. Ein neutraler Staat ist glaubwĂŒrdig, wenn Freund und Gegner wissen, woran sie sind â bevor der Krieg beginnt.
Bei den Sanktionen wird die Dehnbarkeit sichtbar. 2014 ĂŒbernahm die Schweiz die EU-Sanktionen gegen Russland nicht. 2022 tat sie es. Cassis preist dies als verantwortungsvolle «InteressenabwĂ€gung» und warnt vor jedem «Automatismus».
Nur: Wenn NeutralitÀt davon abhÀngt, wie der Bundesrat die jeweilige Lage beurteilt, wird aus einem Prinzip eine Option.
Noch deutlicher wird Markus MĂ€der, Chef des Staatssekretariats fĂŒr Sicherheitspolitik SEPOS. Die Schweiz mĂŒsse ihre Zusammenarbeit mit NATO und EU intensivieren. Gemeinsame Verteidigung brauche «InteroperabilitĂ€t» bei Waffen, Verfahren und Planungsprozessen sowie «Vertrauen basierend auf einem eingespielten und regelmĂ€Ăigen Austausch».
Aber: Je enger sich die Schweiz militĂ€risch mit einem BĂŒndnissystem verzahnt, desto schwieriger wird es, gleichzeitig zu behaupten, sie stehe auĂerhalb dieses Systems. MĂ€der geht sogar so weit, die Abschreckung darauf aufzubauen, dass ein Gegner mit einer gemeinsamen Verteidigung der Schweiz mit Partnern rechnen mĂŒsse. Mit einem Bein steht die Schweiz bereits im BĂŒndnisfall.
Die NeutralitĂ€t soll also dadurch glaubwĂŒrdig werden, dass ein möglicher Gegner annehmen kann, sie könnte im Ernstfall gar nicht mehr neutral sein. Was fĂŒr ein Widersinn!
Auch Botschafter Simon PlĂŒss, zustĂ€ndig fĂŒr Sanktionen beim Staatssekretariat fĂŒr Wirtschaft SECO, macht deutlich, wohin die Reise geht. Ohne enge Zusammenarbeit mit Europa drohten der Schweiz der Ruf mangelnder SolidaritĂ€t, Nachteile fĂŒr die RĂŒstungsindustrie und der Ausschluss aus europĂ€ischen Beschaffungsprogrammen.
Dass ĂŒber 90 Prozent der «schweizerischen» RĂŒstungsexporte von 2015 bis 2024 auf auslĂ€ndische Firmen zurĂŒckgehen (RĂŒstungsreport), sagte PlĂŒss natĂŒrlich nicht.
Damit tritt hinter der schönen Formel von der «flexiblen NeutralitĂ€t» ein ziemlich handfestes Programm hervor: Sanktionen sollen möglich bleiben, die militĂ€rische AnnĂ€herung an NATO und EU soll weitergehen, und die RĂŒstungsindustrie soll in den europĂ€ischen Markt integriert bleiben.
Alles nachvollziehbare politische und wirtschaftliche Interessen. Aber man sollte sie nicht mit NeutralitÀt verwechseln.
Cassis sagt: «Unsere GlaubwĂŒrdigkeit beruht auf unserer VerlĂ€sslichkeit, nicht auf Starrheit.» Das ist richtig â und gerade deshalb spricht vieles fĂŒr klare Regeln.
Denn VerlĂ€sslichkeit heiĂt, dass man weiĂ, woran man ist. Eine NeutralitĂ€t hingegen, die sich jedem politischen Wetter anpassen kann, ist zwar auĂerordentlich beweglich. Nur ist irgendwann nicht mehr ganz klar, was an ihr noch neutral ist.