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Corona Transition

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Feed Titel: Transition News


«Europas Vorstoß fĂŒr eine EU-Armee signalisiert den Beginn der Zersplitterung der NATO»

Der spanische MinisterprĂ€sident Pedro SĂĄnchez hat offen die Schaffung einer europĂ€ischen Armee gefordert und gewarnt, dass Europa angesichts zunehmender geopolitischer Spannungen seine kollektiven VerteidigungsfĂ€higkeiten stĂ€rken mĂŒsse. Laut dem US-Finanzanalytiker Martin Armstrong ist dies «Teil eines viel umfassenderen Wandels, der sich hinter den Kulissen vollzieht, wĂ€hrend sich Europa still und leise auf eine Welt vorbereitet, in der die NATO in ihrer derzeitigen Form möglicherweise nicht mehr funktionieren wird». Diese vor wenigen Jahren politisch undenkbare Debatte habe an Dynamik gewonnen, da das Vertrauen in die Nachkriegsordnung bröckle. Armstrong erlĂ€utert:

«Ich habe wiederholt davor gewarnt, dass die NATO nie dafĂŒr gedacht war, auf unbestimmte Zeit zu bestehen. Sie war ein BĂŒndnis des Kalten Krieges, das um die sowjetische Bedrohung herum aufgebaut und ĂŒberwiegend von den Vereinigten Staaten finanziert wurde. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verlor die NATO ihren ursprĂŒnglichen Zweck. Anstatt sich aufzulösen, dehnte sie sich nach Osten aus und wandelte sich von einem VerteidigungsbĂŒndnis zu einem geopolitischen Instrument, das dazu dient, Einfluss in ganz Europa und darĂŒber hinaus auszuĂŒben.»

Die USA wĂŒrden sich zunehmend auf China und innenpolitische InstabilitĂ€t konzentrieren, so der Finanzanalytiker weiter. Europa sehe sich gleichzeitig mit wirtschaftlicher Stagnation, Migrationskrisen, Staatsschuldenproblemen und Energieknappheit konfrontiert. Den europĂ€ischen Regierungen werde zudem bewusst, dass sie sich möglicherweise nicht mehr auf Washington als unangefochtenen Garanten ihrer Sicherheit verlassen können. Diese Erkenntnis sei der Grund fĂŒr die Forderungen nach einer europĂ€ischen MilitĂ€rstruktur.

Der Zeitpunkt sei entscheidend: Die MilitĂ€rausgaben auf dem gesamten Kontinent steigen explosionsartig. Die NATO-Mitglieder stĂŒnden unter Druck, ihre Verteidigungsausgaben auf 3,5 Prozent des BIP anzuheben. Armstrong gibt zu bedenken:

«Was dies besonders gefĂ€hrlich macht, ist, dass es Europa an politischer Einheit mangelt, wĂ€hrend es ĂŒber militĂ€rische Einheit spricht. Spanien selbst hat sich im Iran-Konflikt bereits öffentlich von Teilen der NATO distanziert, indem es eine offensive Beteiligung ablehnte und sich von Washingtons Position abgrenzte. Das offenbart die zentrale SchwĂ€che innerhalb des BĂŒndnisses. Sobald die Mitgliedstaaten bei großen Konflikten unterschiedliche Positionen einnehmen, beginnt der Zusammenhalt zu bröckeln.
Frankreich strebt nach strategischer Autonomie. Deutschland will die militĂ€rische FĂŒhrungsrolle ĂŒbernehmen. Osteuropa wĂŒnscht sich eine maximale Konfrontation mit Russland. SĂŒdeuropa ist eher besorgt ĂŒber wirtschaftliche InstabilitĂ€t und Migration. Großbritannien bleibt Washington verbunden, hat aber selbst mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kĂ€mpfen. Das sind keine einheitlichen Ziele. Es handelt sich um konkurrierende Interessen, die vorĂŒbergehend durch Angst und Unsicherheit zusammengehalten werden.»

Der Finanzanalytiker weist darauf hin, dass sich Europas wirtschaftliche Grundlage gleichzeitig abschwĂ€cht. Die Netto-Null-Politik habe die Energiepreise in die Höhe getrieben, die Industrie wandere ab, die Verschuldung steige weiter an und das Wachstum stagniere in weiten Teilen des Kontinents. Dennoch wĂŒrden die Regierungen gleichzeitig eine massive militĂ€rische AufrĂŒstung diskutieren. Historisch gesehen fĂŒhre diese Kombination eher zu innerer InstabilitĂ€t als zu langfristiger StĂ€rke.

Die Ironie sei, dass Europa Jahrzehnte damit verbracht habe, Grenzen abzubauen, nationale Armeen zu verkleinern und die Idee zu fördern, dass Krieg zwischen GroßmĂ€chten ĂŒberholt sei. Nun diskutiere dieselbe politische Klasse ĂŒber «MilitĂ€r-Schengen»-Systeme, um Truppen schnell durch Europa zu verlegen, und debattiere offen ĂŒber nukleare Abschreckung unabhĂ€ngig von den USA. Armstrong stellt fest:

«Der Kriegszyklus dreht sich schon seit Jahren, und was Sie derzeit beobachten, ist die Reaktion der Institutionen darauf. Die Regierungen spĂŒren, dass sich das geopolitische Umfeld verschlechtert, und versuchen daher, die militĂ€rische Macht zu zentralisieren, bevor die Krise voll ausbricht. Historisch gesehen fĂŒhrt die Schaffung grĂ¶ĂŸerer supranationaler MilitĂ€rstrukturen jedoch oft zu einer VerschĂ€rfung der Spannungen, da sie die Ängste unter den Rivalen schĂŒrt und die FlexibilitĂ€t der Mitgliedstaaten einschrĂ€nkt.»

Das grĂ¶ĂŸere Problem sei, dass eine europĂ€ische Armee die NATO selbst schwĂ€chen wĂŒrde. Mit eigenen Kommandos und unabhĂ€ngigen MilitĂ€rstrukturen wĂŒrde Europa sich von Washington lösen – und die NATO verliere nach und nach an Bedeutung. Armstrong schließt:

«Was Politiker nun öffentlich zugeben, ist, dass sie nicht mehr voll und ganz darauf vertrauen, dass die bestehende Struktur die nĂ€chste große Krise ĂŒberstehen wird. Sobald Allianzen beginnen, ihre eigene Zukunft offen infrage zu stellen, hat die Fragmentierung hinter den Kulissen bereits begonnen.»

«Methodisches Fundament von â€čHantavirusâ€ș-Nachweis ist – bei allem Respekt – erbĂ€rmlich schwach»

In diesen Tagen beherrscht das sogenannte «Hantavirus» die Schlagzeilen. Ein Cluster von Erkrankungen auf dem Expeditionsschiff MV Hondius hat weltweit fĂŒr Aufregung gesorgt. Die WHO informierte ĂŒber den angeblichen «Ausbruch», QuarantĂ€nemaßnahmen wurden eingeleitet – und die Systemmedien schalteten in den Krisenmodus. Und das mRNA-«Impf»-Projekt dazu lĂ€uft schon seit 2023 (TN berichtete).

Das Ganze erinnert arg an die Corona-Inszenierung, und auch hier stellt sich – genau wie bei SARS-CoV-2* – die Frage: Wurde das, was da als Hantavirus prĂ€sentiert wird, ĂŒberhaupt als ein solches solide nachgewiesen? Dieser Frage ist NEXT LEVEL jetzt nachgegangen. Ergebnis:

«Die berĂŒhmte Arbeit von Lee et al. aus dem Jahr 1978 gilt bis heute als PrimĂ€rpublikation zum â€čHantavirusâ€ș. Und wenn man diese Studie genau liest, bleibt von einem Virusnachweis nichts ĂŒbrig. Das methodische Fundament ist – bei allem Respekt – erbĂ€rmlich schwach.»

So gingen die Forscher um Ho Wang Lee folgendermaßen vor: Sie nahmen Lungenhomogenat (zerstampfte Lunge) von wild gefangenen FeldmĂ€usen oder einen Mix aus Patienten-Serum und Maus-Material. Dieses Material wurde intraperitoneal (in die Bauchhöhle) oder auch in andere Bereiche injiziert. Ziel war es, den vermeintlichen Erreger in diesen MĂ€usen zu vermehren.

Danach wurden diese inokulierten MĂ€use nach einigen Wochen getötet, ihre Lungen entnommen, diese in Scheiben geschnitten und als Antigen-PrĂ€paration fĂŒr den Immunfluoreszenz-Test verwendet. Hintergrund: Man ging davon aus, dass die gestreiften FeldmĂ€use das natĂŒrliche Reservoir des Erregers sind. Daraufhin wurden diese Proben mit Patientenseren (als Antikörper-Quelle) vermengt. Die Autoren gingen davon aus, dass diese Seren spezifische Antikörper gegen den hypothetischen Erreger enthalten.

Anschließend wurde ein fluoreszenzmarkierter SekundĂ€rantikörper (anti-human-IgG, chemisch gekoppelt mit einem Fluorochrom, klassischerweise Fluorescein-Isothiocyanat, kurz FITC) hinzugefĂŒgt. Dieser bindet an die menschlichen Antikörper, die sich zuvor an das «Antigen» im MĂ€usegewebe gebunden haben. Unter dem Fluoreszenzmikroskop (mit UV-Licht angeregt) leuchtet dann das gebundene FITC gelb-grĂŒn auf.

Anschließend untersuchten sie die Organe der Versuchstiere mithilfe der Immunfluoreszenz – einer Technik, die im Mikroskop kĂŒnstliche Lichtsignale produziert, wenn bestimmte Antikörper binden.

Das zentrale Problem: Ein echter Virusnachweis im klassischen Sinne gelang nicht. Die Autoren rĂ€umen selbst ein, dass sich der vermeintliche Erreger weder in verschiedenen Zellkulturen noch in Labortieren kultivieren ließ. Und obwohl die MĂ€use mit dem angeblichen «Hantavirus-Material» inokuliert wurden, wurden sie nicht krank. Weder die wild gefangenen noch die experimentell behandelten Tiere entwickelten jemals sichtbare Anzeichen einer Erkrankung – was die Autoren selbst explizit erwĂ€hnen. Es wurde also keine ĂŒbertragbare Krankheit, sondern lediglich ein Labor-Signal erzeugt.

Das HerzstĂŒck der Studie bildet also ein immunfluoreszenzbasiertes «Nachweis»system. Gewebe aus den MĂ€uselungen diente als «Antigen», die Patientenseren als Quelle fĂŒr «Antikörper». Das dabei entstehende Leuchten im Mikroskop wurde als Beleg fĂŒr die Anwesenheit des Erregers interpretiert. Die Autoren selbst beschreiben dieses Vorgehen jedoch offen als «admittedly circular skeleton» – also als zugegebenermaßen zirkulĂ€res GerĂŒst. Denn man verwendete das Signal, um die Existenz des Erregers zu belegen, und definierte den Erreger zugleich ĂŒber eben dieses Signal. Ein klassischer Zirkelschluss.

Hinzu kommen erhebliche Schwierigkeiten bei der Interpretation: Die IntensitĂ€t und Ausdehnung der Fluoreszenz ließen sich nur schwer bewerten, wie die Forscher einrĂ€umen. Auch bei den angeblichen Isolaten aus Patientenseren bleiben Zweifel. Die Autoren schreiben, dass sie diesen nicht mit «unequivocal security» (uneingeschrĂ€nkter Sicherheit) vertrauen könnten, weil fĂŒr die Versuche Tiere vom koreanischen Festland verwendet wurden – aus Regionen, in denen solche Fluoreszenzsignale bei WildmĂ€usen bereits natĂŒrlich vorkommen.

Belastbare Negativkontrollen mit garantiert signalfreien Tieren waren damit nicht gewĂ€hrleistet. Trotz dieser EinschrĂ€nkungen – fehlende Kultivierung, ausbleibende Krankheitssymptome bei den Versuchstieren und ein zirkulĂ€res Nachweissystem – wurde diese Arbeit zum Grundstein des Hantavirus-Konzepts. Sie legte den Grund fĂŒr spĂ€tere Forschungen und die Einordnung des Erregers in die heutige Virologie.

Statt eines klar definierten, isolierbaren Partikels, das bei gesunden Tieren oder Menschen reproduzierbar typische Symptome auslöst, bleibt nur ein indirektes Labor-Signal. Die Debatte um die Hantavirus-Studie von Lee et al. zeigt exemplarisch, wie sehr etablierte virologische Konzepte auf Interpretationen und technischen Signalen beruhen.

* Siehe dazu den OffGuardian-Artikel «Phantom Virus: In search of Sars-CoV-2» von Konstantin Demeter, Stefano Scoglio und mir sowie den TN-Beitrag «Virusnachweis, wo bist du? Teil II – eine Replik auf Michael Palmer» von Marvin Haberland, Konstantin Demeter und mir.

Imperium in Schutt und Asche (Teil 4): Reform eines zerstörerischen Systems reicht nicht

Ich sage, dass Menschen keine wirksame Massenbewegung genau in dem Moment aufbauen können, in dem sie diese plötzlich brauchen. Vertrauen, Beziehungen, organisatorische Erfahrung und soziale Infrastruktur entstehen nicht spontan. Sie mĂŒssen bereits existieren. Genau diese Grundlagen hat die USA nach meiner Auffassung in den letzten Jahrzehnten systematisch zerstört.

Nun brauchen die Menschen SolidaritĂ€t und kollektive StĂ€rke, aber die Voraussetzungen dafĂŒr fehlen. Die Menschen wissen nicht mehr, wie sie tragfĂ€hige Gemeinschaften aufbauen, und oft wollen sie die dafĂŒr notwendige Arbeit auch nicht leisten. Sie wĂŒnschen sich die Vorteile von Organisation und Zusammenhalt, ohne Opfer zu bringen, Konflikte auszuhalten oder langfristig Verantwortung fĂŒreinander zu ĂŒbernehmen.

Ich erklÀre, dass das US-amerikanische System nicht versagt. Es funktioniert vielmehr genau so, wie seine Kultur es hervorbringt. Viele Menschen fragen mich stÀndig nach einer Lösung. Doch ich antworte: Niemand kann eine Lösung finden, solange das eigentliche Problem nicht benannt wird.

Die Frage lautet: Welche Menschen bringt das System hervor?

Die Frage lautet nicht einfach: Wie reparieren wir das politische System? Die tiefere Frage lautet: Welche Kultur bringt dieses System hervor, und welche Art von Menschen erzeugt diese Kultur? Ich argumentiere, dass Amerika zuerst verstehen muss, was es tatsĂ€chlich ist – nicht, was es vorgibt zu sein. Zwischen Selbstbild und Wirklichkeit besteht aus meiner Sicht eine gewaltige LĂŒcke.

Um das zu erklĂ€ren, spreche ich ĂŒber das Milgram-Experiment. Dort verabreichten ganz normale Menschen, die glaubten, an einer wissenschaftlichen Studie teilzunehmen, auf Anweisung einer AutoritĂ€tsperson vermeintlich immer stĂ€rkere StromschlĂ€ge an eine andere Person. Obwohl die angeblich Betroffenen um Hilfe schrien, Schmerzen Ă€ußerten und schließlich verstummten, machten die meisten weiter.

Viele Menschen deuten dieses Experiment so, als zeige es nur, wie manipulierbar Menschen seien oder wie stark sozialer Druck wirke. Ich widerspreche dieser Lesart. FĂŒr mich zeigt das Experiment etwas anderes: Es offenbart eine Kultur, in der Macht selbst LegitimitĂ€t erzeugt.

Menschen respektieren brutale AutoritĂ€t nicht trotz ihrer HĂ€rte, sondern gerade wegen ihr. Wer Macht besitzt, erscheint legitim. Wer verliert, gilt als selbst verantwortlich fĂŒr sein Leid. Ich argumentiere, dass sich diese Haltung durch die gesamte amerikanische Kultur zieht. Gewinnen steht ĂŒber allem.

Erfolg bedeutet Dominanz. Sprache verrÀt diese Werte: Unternehmen wollen Konkurrenten vernichten, MÀrkte beherrschen und Gegner zerstören. Wenn ein Konzernchef riesige Vermögen anhÀuft, wÀhrend Angestellte kaum leben können, sehen viele darin keinen moralischen Widerspruch. Im Gegenteil: Es erscheint als Beweis erfolgreichen Handelns. Der Gewinner bekommt alles.

Dasselbe gilt fĂŒr politische Korruption. Wenn MilliardĂ€re Macht kaufen, interpretieren viele Menschen dies nicht als Verrat am System, sondern als Ausdruck von Erfolg innerhalb des Systems.

Ich sage, dass die Gewalt und Ausbeutung, die westliche Staaten und Eliten ĂŒber Jahrzehnte in anderen LĂ€ndern betrieben haben, nicht im Gegensatz zu westlichen Werten stehen. Sie folgen denselben kulturellen Grundlagen.

Menschen identifizieren sich mit den Gewinnern

Die amerikanische Ursprungsgeschichte handelt vom Siedler, der Land nimmt, indigene Menschen verdrĂ€ngt oder vernichtet und seine Expansion moralisch rechtfertigt. Solche Ursprungsgeschichten verschwinden nicht. Sie formen Generationen. Sie lehren Menschen, was als StĂ€rke gilt und wer moralische Berechtigung besitzt. Wer gewinnt, gilt als ĂŒberlegen. Wer verliert, hat nach dieser Logik versagt.

Deshalb organisieren sich Menschen selbst dann kaum, wenn Nachbarn ihr Zuhause verlieren oder wenn Arbeiter gegen ihre eigenen Interessen stimmen. Viele identifizieren sich nicht mit anderen Menschen in Àhnlicher Lage. Sie identifizieren sich mit den Gewinnern. Sie hoffen, selbst irgendwann reich, mÀchtig und unangreifbar zu werden. Deshalb wollen sie Regeln nicht verÀndern. Sie hoffen, eines Tages selbst von denselben Regeln zu profitieren. Diese Lotterie-MentalitÀt verhindert SolidaritÀt.

Ich sage, dass dieselbe Kultur sowohl die Eliten als auch die UnterdrĂŒckten prĂ€gt. Gewalt, Dominanz und Ausbeutung werden von oben und unten verinnerlicht. Wenn Menschen dann selbst unter Druck geraten, reagieren sie oft mit derselben Denkweise, die das Problem ĂŒberhaupt hervorgebracht hat: Wut, Schuldzuweisung und der Wunsch nach schneller Zerstörung statt langfristigem Aufbau.

Ich erklĂ€re außerdem, dass Menschen nur zu dem fĂ€hig sind, worauf ihre Gesellschaft sie vorbereitet. Deshalb spreche ich ĂŒber staatsbĂŒrgerliche Bildung. Millionen Menschen wissen kaum etwas darĂŒber, wie ihre Regierung funktioniert, welche Rechte sie besitzen oder wie politische Prozesse ablaufen. Viele SchĂŒler können grundlegende Fragen zum politischen System nicht beantworten. Manche erklĂ€ren dies mit unterfinanzierten Schulen oder schlechten LehrplĂ€nen.

Ich erkenne diese Faktoren an, stelle aber eine andere Frage: Warum akzeptiert eine Gesellschaft, die sich demokratisch nennt, ĂŒberhaupt, dass staatsbĂŒrgerliche Bildung verschwindet? Wenn Demokratie tatsĂ€chlich ein Kernwert wĂ€re, hĂ€tte diese Entwicklung massiven Widerstand ausgelöst. Dass dies nicht geschieht, zeigt mir, dass Demokratie oft eher eine symbolische Rolle spielt.

Bildung dient in der amerikanischen Vorstellung vor allem dazu, Menschen wirtschaftlich verwertbar zu machen. Schulen bereiten auf Arbeit vor, nicht auf politische Selbstregierung. Menschen lernen, wie sie erfolgreich konkurrieren, aber nicht, wie sie gemeinsam handeln oder Institutionen kontrollieren. Das Ergebnis ist eine Bevölkerung, die politische Macht kaum versteht und deshalb Schwierigkeiten hat, ihr wirksam entgegenzutreten.

Soziales Vertrauen erodiert

Dazu kommt der Zusammenbruch sozialen Vertrauens. Ich verweise auf Umfragen, die zeigen, dass immer weniger Menschen glauben, anderen vertrauen zu können. Das Misstrauen gegenĂŒber Medien, Unternehmen, religiösen Institutionen, Banken, Politik und selbst Nachbarn nimmt zu. Mich ĂŒberrascht das nicht.

Eine Gesellschaft, die Menschen stÀndig vermittelt, dass jeder zuerst an sich selbst denken muss, zerstört die Grundlage gegenseitigen Vertrauens. Vertrauen entsteht nur, wenn Menschen glauben, dass andere ihr Wohlergehen ebenfalls ernst nehmen. Doch die kulturelle Botschaft lautet hÀufig: Jeder kÀmpft allein.

Parallel dazu zerfallen Organisationen und gemeinschaftliche Strukturen. Gewerkschaften verlieren Mitglieder, Vereine verschwinden, Nachbarschaften lösen sich auf. Menschen verbringen selbst ihre Freizeit zunehmend isoliert. Ich greife das Bild des «Bowling Alone» auf: Menschen gehen zwar noch bowlen, aber nicht mehr gemeinsam. Das klingt zunĂ€chst unbedeutend, ist fĂŒr mich aber ein Symbol kultureller Vereinzelung. Wer nie gemeinsam handelt, lernt keine SolidaritĂ€t. Wer keine Teams bildet, entwickelt keine FĂ€higkeit zu langfristiger Organisation.

Ich betone, dass jede erfolgreiche Widerstandsbewegung auf bereits vorhandenen Strukturen aufbaute. Die BĂŒrgerrechtsbewegung entstand nicht aus dem Nichts. Arbeiterbewegungen entstanden nicht spontan. Antikoloniale KĂ€mpfe bauten auf Gemeinschaften, religiösen Netzwerken, Organisationen und LoyalitĂ€ten auf, die bereits vorhanden waren.

Niemand erschafft eine belastbare Massenbewegung in dem Augenblick, in dem sie dringend gebraucht wird. Vertrauen muss wachsen. Beziehungen mĂŒssen bestehen. Organisatorische FĂ€higkeiten mĂŒssen vorher entwickelt werden. Genau diese Grundlagen fehlen heute.

Ich sage zudem, dass sogar die FĂ€higkeit zum konzentrierten Denken geschwĂ€cht wird. Digitale Plattformen profitieren davon, Aufmerksamkeit einzufangen und Menschen stĂ€ndig neuen Reizen auszusetzen. Kurze Videos, endloses Scrollen und dauernde emotionale Trigger zerstĂŒckeln Aufmerksamkeit. Menschen wechseln permanent zwischen Bildschirmen, Themen und Reizen. Die FĂ€higkeit, lĂ€ngere Zeit ĂŒber komplexe Fragen nachzudenken, geht verloren.

Doch echte politische Organisation verlangt genau das Gegenteil. Menschen mĂŒssen lange Texte lesen, komplexe Probleme durchdenken, Besprechungen aushalten, Frustration ertragen und ĂŒber Jahre auf Ziele hinarbeiten, ohne unmittelbare Ergebnisse zu sehen. Langfristige Bewegungen entstehen aus Geduld, Konzentration und Disziplin. Wenn Aufmerksamkeit systematisch zerstört wird, verliert die Gesellschaft eine zentrale Voraussetzung kollektiven Handelns.

Hinzu kommt eine fragmentierte Informationswelt. Menschen leben zunehmend in voneinander getrennten Wirklichkeiten. Algorithmen zeigen Inhalte, die bestehende Überzeugungen bestĂ€tigen, statt gemeinsame Grundlagen zu schaffen. Es geht nicht nur um unterschiedliche politische Meinungen. Menschen teilen oft nicht einmal dieselbe Vorstellung davon, was RealitĂ€t ist. Ohne ein Mindestmaß gemeinsamer Wirklichkeit können keine stabilen Koalitionen entstehen.

Gewaltfreie Bewegungen waren ĂŒber lange Zeit erfolgreicher

Ich spreche auch ĂŒber historische Forschungen zu Widerstandsbewegungen. Gewaltfreie Bewegungen waren ĂŒber lange Zeit erfolgreicher als gewaltsame. Doch ihre Erfolgsquote sinkt. Ein Grund liegt darin, dass Staaten raffiniertere Mittel der Repression entwickeln: Überwachung, digitale Kontrolle, finanzielle Sanktionen, juristische Verfolgung und Infiltration.

Ein zweiter Grund liegt fĂŒr mich in der OberflĂ€chlichkeit moderner Bewegungen. Menschen mobilisieren sich schnell ĂŒber soziale Medien, versammeln sich fĂŒr kurze Zeit und lösen sich wieder auf. Es fehlt strategische Tiefe. Aktivismus wird emotional, symbolisch und performativ.

Ich argumentiere, dass Amerika keinen eigentlichen moralischen Verfall erlebt. Vielmehr fĂ€llt die Maske. Die Gesellschaft wird nicht barbarisch – sie zeigt offener, was sie immer war. Werte wie Moral, Demokratie oder AufklĂ€rung verlieren ihre dekorative Funktion, wĂ€hrend Macht direkter ausgeĂŒbt wird. Gewalt bleibt ein grundlegender Bestandteil der politischen Kultur.

Deshalb kritisiere ich impulsive Zerstörung als Form von Widerstand. Wenn ein frustrierter Arbeiter ein GebĂ€ude anzĂŒndet, richtet sich die Wut oft gegen Menschen in Ă€hnlicher Lage statt gegen tatsĂ€chliche Machtzentren. Solche Handlungen machen Eliten nicht nervös. FĂŒr sie wirken sie wie ein Zeichen dafĂŒr, dass die Bevölkerung desorganisiert, strategielos und ungefĂ€hrlich bleibt.

Was Machtstrukturen tatsĂ€chlich bedroht, ist nicht spontane Wut, sondern geduldiger Aufbau lokaler Alternativen, gemeinschaftlicher Strukturen und paralleler Institutionen. Doch genau jene FĂ€higkeiten – Vertrauen, langfristiges Denken, kollektive Orientierung – sind kulturell abgebaut worden.

Meine Schlussfolgerung lautet, dass eine rÀuberische Kultur zwangslÀufig ein System hervorbringt, das Menschen produziert, die diesem System nicht wirksam widerstehen können.

Die Gesellschaft erschafft Menschen, die fragmentiert, misstrauisch, politisch ungebildet und organisatorisch schwach sind. Das System versagt nicht, sondern reproduziert sich erfolgreich.

Am Ende vertrete ich die Position, dass es nicht darum gehen soll, ein zerstörerisches System zu retten oder zu reformieren. Wer nur reformieren will, verlĂ€ngert das Leiden derjenigen, die weltweit unter dessen Folgen litten. Ich verwende das Bild eines sinkenden Schiffes: Die Aufgabe besteht nicht darin, die Titanic zu flicken, sondern etwas Neues aufzubauen – auf anderem Boden und mit anderen Werten.

***

Dieser vierte und letzte Teil ist in ausfĂŒhrlicher deutscher Übersetzung am 1. Mai auf Seniora.org erschienen. Teil 1 «Falsche Flammen des Widerstands», Teil 2 «Der Zusammenbruch in Zahlen» und Teil 3 «Der Ausverkauf Amerikas – Wie die Elite das Land ausschlachtet» hat TN auch in kompakter Form veröffentlicht.

Shahed Bolsen ist ein politischer Autor und Analyst, der sich kritisch mit Kapitalismus, Machtstrukturen, AufstandsbekĂ€mpfung und staatlicher beziehungsweise unternehmerischer Überwachung auseinandersetzt. Der in den USA Geborene versteht sich selbst als Muslim und formuliert seine politischen Analysen teilweise aus einer Perspektive, die Erfahrungen aus muslimischen Gesellschaften (unter anderem Nahost/Ägypten-Kontext nach dem Arabischen FrĂŒhling) einbezieht.

Die NeutralitÀt als Errungenschaft der AufklÀrung

Nach dem 30-jĂ€hrigen Krieg setzte der WestfĂ€lische Friede 1648 unter anderem mit den GrundsĂ€tzen der Amnestie hinsichtlich der Kriegsbeteiligten und der Toleranz gegenĂŒber der Religion wichtige friedenspolitische Akzente. Dies waren auch zentrale Elemente einer FrĂŒhaufklĂ€rung, die spĂ€ter mit der Ausarbeitung des Völkerrechts (u.a. Emer de Vattel als Vertreter der Westschweizer Naturrechtsschule) und mit dem Menschenrechts-Diskurs fortgesetzt wurde.

Solche Elemente waren auch fĂŒr die neutrale Eidgenossenschaft wichtig, die in die kriegerischen Auseinandersetzungen, vor allem mit den «BĂŒndner Wirren», einbezogen wurde. Die Schweiz wurde zudem mit dem WestfĂ€lischen Frieden ein souverĂ€nes Land. 26 Jahre danach, nĂ€mlich 1674, bezeichnete die eidgenössische Tagsatzung die Schweiz erstmals offiziell als «neutrales Land». Allerdings war der Abschluss von DefensivbĂŒndnissen nach wie vor zulĂ€ssig und die Eidgenossenschaft war in zahlreiche Allianzen verstrickt. Das fĂŒhrte zu WidersprĂŒchen und machtpolitische Interessen lĂ€hmten immer wieder eine friedliche Entwicklung. Trotzdem brachte die erklĂ€rte NeutralitĂ€t der multikulturellen und multireligiösen Schweiz zunehmend die angestrebte Einheit.

Der Eidgenossenschaft gelang es dann auch gut, sich aus den europĂ€ischen Glaubens-, Eroberungs- und Erbfolgekriegen der frĂŒhen Neuzeit herauszuhalten. 1647 hatte auch mit der «Defensionale von Wil», der ersten eidgenössischen Wehrordnung, die bewaffnete NeutralitĂ€t immer mehr Gestalt angenommen. Die Eidgenossenschaft regte auch dank der NeutralitĂ€t im Rahmen der Außenpolitik umfassende Schiedsgerichtsverfahren an und machte sich als Vermittlerin einen Namen. Auch die Solddienste wurden immer mehr kritisiert und schließlich verboten.

Was bedeutet die Schweizer NeutralitÀt?

Der Wiener Kongress 1815 und die GrĂŒndung des Bundesstaates 1848 waren wichtige Wegmarken, um die schweizerische NeutralitĂ€t national und international zu stĂ€rken. Die Haager Friedensordnung von 1907 ergĂ€nzte das neutrale Fundament der Eidgenossenschaft entscheidend. Auch wenn ĂŒber 100 Jahre alt, gilt diese Friedensordnung heute immer noch als Völkergewohnheitsrecht. Darin werden die Rechte und Pflichten eines neutralen Landes festgehalten.

Das sind GrundsĂ€tze, die auf die Errungenschaften der AufklĂ€rung und des modernen Naturrechts hinweisen. Das bedeutet im Kern die Nichtbeteiligung der Schweiz an einem Krieg anderer Staaten (heute zusĂ€tzlich flankiert von einer möglichst strengen Kriegsmaterialgesetzgebung). Sie darf niemanden angreifen und an keinen militĂ€rischen BĂŒndnissen (zum Beispiel heute die NATO) teilnehmen. Die Schweiz muss weiter im Rahmen der bewaffneten NeutralitĂ€t ihre Selbstverteidigung sicherstellen und sie muss die KriegsfĂŒhrenden gleichbehandeln. Sie darf keine Söldner fĂŒr Kriegsparteien stellen. In diesem Zusammenhang sollten auch die «modernen Solddienste» der Swisscoy im Kosovo im Rahmen der NATO endlich hinterfragt werden. Eine weitere Pflicht des neutralen Landes ist es, das eigene Territorium nicht fĂŒr die Kriegsparteien zur VerfĂŒgung zu stellen. Zudem hat es das Recht auf die Unverletzlichkeit des eigenen Territoriums.

Die NeutralitĂ€t fußt auf der Erfahrung, dass sich Konflikte nicht mit Gewalt, sondern nur durch KlĂ€rung der Ursachen lösen lassen. NeutralitĂ€t verlangt, Konflikte aufmerksam zu verfolgen, zu verarbeiten und nicht «wegzuschauen». Nur die konsequente Haltung des Neutralen kann die Schweiz aus Konflikten heraushalten. Der neutrale Staat muss auf den Konflikt an sich zielen und nicht auf einen bestimmten Beteiligten eines Konfliktes. Indem die neutrale Schweiz nicht einseitig eine Konfliktpartei unterstĂŒtzt, kann sie mit dem Angebot der Vermittlung zur Konfliktlösung beitragen und ihre Rolle als Schutzmacht bekrĂ€ftigen.

Bundesrat und Parlament mĂŒssen Gewalt, Krieg und Terror von allen Seiten klar ablehnen, GesprĂ€che einfordern und auf diese Weise den Frieden am besten zu fördern. Die kompromisslose Haltung der neutralen Schweiz ist auch zentral fĂŒr den inneren Zusammenhalt unseres Landes. Anstatt zu moralisieren, muss die Schweiz, also der Bundesrat und das Parlament, konsequent auf Machtpolitik verzichten. Dabei mĂŒssen die Schweizer BĂŒrger sowie die Medien nicht gesinnungsneutral bleiben, sondern können sich eine kritische Meinung zu jedem Konflikt bilden und diese auch öffentlich vertreten. Auf diese Weise schĂŒtzt die NeutralitĂ€t auch die Meinungsfreiheit eines Landes.

Die NeutralitÀt unter Druck

Kriegsparteien, die ihre Übermacht durchsetzen wollen, lehnen es ab, Entstehung und Ursachen der Konflikte als Prozesse zu sehen. Aus diesen GrĂŒnden haben Kriegsparteien, die auf ihre Übermacht zĂ€hlen, kein Interesse an neutralen Standpunkten, die ihren Herrschaftsanspruch argumentativ oder auch territorial relativieren könnten. Nach Vormacht strebende Kriegsparteien werden deshalb den neutralen Standpunkt offen oder verdeckt bekĂ€mpfen. Die fortlaufenden, vielfĂ€ltigen Angriffe der USA auf die Schweiz sind auch in diesem Kontext einzuordnen.

Die Hegemonie besonders der USA formt die Medienberichterstattung, so dass von den zeitlichen und rĂ€umlichen Dimensionen der Konfliktprozesse zunehmend abgelenkt wird. Dadurch wird der Konflikt in Bezug auf die Entstehung, die Ursachen sowie seine Entwicklung zunehmend unkenntlich gemacht, die Überschaubarkeit des Herganges wird verschleiert. Somit bleiben die Konfliktursachen im Dunkeln und sichtbar bleibt nur, was der entsprechende Hegemon medienwirksam arrangiert, ohne nennenswerte Opposition beschließt und mehr oder weniger rĂŒcksichtslos durchfĂŒhrt.

Die Dekonstruktion der NeutralitÀt

Kriegsparteien, die ihre Macht durchsetzen wollen, empfinden die neutrale Position als potenzielle EinschrĂ€nkung. Sie werfen deshalb der neutralen Position vor, im Interesse der Gegenpartei zu handeln. Die Dekonstruktionsversuche der NeutralitĂ€t als wegschauende Trittbrettfahrerin bis zur heimlichen BĂŒndnispartnerin der gegnerischen Kriegspartei liegen im Interesse der Kriegswilligen und sollten besser verstĂ€ndlich gemacht werden.

«Wir mĂŒssen uns eben die Tatsache vor Augen halten, dass im Grunde kein Angehöriger einer kriegsfĂŒhrenden Nation eine neutrale Gesinnung als berechtigt empfindet. Er kann das mit dem Verstande, wenn er ihn gewaltig anstrengt, aber er kann es nicht mit dem Herzen.»

Das sagte Carl Spitteler schon vor mehr als 100 Jahren. Hier haken die NeutralitĂ€tsgegner auch heute mit ihrer Propaganda und ihren unsinnigen Unterstellungen ein. Das ist nicht «Mainstream», sondern Manipulation der öffentlichen Meinung: NeutralitĂ€t wird als Fehlverhalten, als Spionage fĂŒr die andere Kriegspartei verunglimpft. Doch der VerrĂ€ter ist nicht der Neutrale, sondern derjenige, der die Schweiz hinterrĂŒcks an kriegerische fremde BĂŒndnisse verschachern will. Die sicherheitspolitische Strategie des Bundesrates vom 12. Dezember 2025 legt dazu ein beredtes Zeugnis ab. Auf rund 60 Seiten sind nur eineinhalb Seiten der NeutralitĂ€t gewidmet. Auch die nationalrĂ€tliche Debatte wĂ€hrend der FrĂŒhlingssession zum Thema NeutralitĂ€t kam mehr als bescheiden daher und im Gegensatz zum StĂ€nderat war sie flach und inhaltsleer.

Auch Thomas Cottier (siehe NZZ vom 30. MĂ€rz 2026) und RenĂ© Rhinow (siehe NZZ vom 7. April 2026) sind «Architekten» solcher Dekonstruktion. Sie wollen offenbar hinter die AufklĂ€rung zurĂŒck, reden von «situativer NeutralitĂ€t» (Rhinow) und versuchen so eine unsĂ€gliche «Rosinenpickerei» der Schweiz zu fördern. Rhinow weiter:

«Im Klartext: neutral zu sein und zu bleiben, wenn es unserer Sicherheit nĂŒtzt, sie zu verlassen, wenn gewichtige außen-, wirtschafts- und sicherheitspolitische GrĂŒnde Vorrang genießen.»

Cottier und Rhinow frönen damit als Juristen einem Rechtspositivismus und fordern unverblĂŒmt das Einbinden der Schweiz in die zentralistischen Fehlkonstruktionen der EU und der NATO. Beide Organisationen fordern ein «kriegstĂŒchtiges Europa» und wollen dies mit BĂŒndnispolitik und AufrĂŒstung erreichen – ganz so wie am Vorabend des Ersten Weltkrieges.

Die Schweizer NeutralitÀt jenseits von VasallitÀt

Der Weg Europas aus dieser heillos verfahrenen Situation heraus und zurĂŒck zum universalen Auftrag der AufklĂ€rung fĂŒhrt ĂŒber die NeutralitĂ€t. Das muss der Beitrag der Erneuerung der Schweizer NeutralitĂ€t sein und deshalb muss eine klare Definition derselben mithilfe der NeutralitĂ€tsinitiative in der Bundesverfassung verankert werden. Denn die Schweizer NeutralitĂ€t ist das Ergebnis ihrer besonderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung, die sich frĂŒhzeitig am gegenseitigen wirtschaftlichen Vorteil und nicht an den kolonialen Übergriffen orientierte. Die Wiedererlangung der Errungenschaften der AufklĂ€rung, und dazu gehört die NeutralitĂ€t, fĂŒhrt letztlich zum Ziel eines eidgenössischen Europas.

Die Schweiz muss außerhalb von sklavischen BĂŒndnispflichten und VasallitĂ€t stehen. Sie leistet sich so eine eigenstĂ€ndige, wohl begrĂŒndete Meinung und bleibt mit allen in einem dialogischen Kontakt. Die Schweizer NeutralitĂ€t ist ĂŒber alle Parteien hinweg ein politischer Auftrag der Schweiz. Das BedĂŒrfnis der Menschen nach Frieden muss ĂŒber die machtpolitischen Interessen gestellt werden. Nur falls die politische UnabhĂ€ngigkeit der Schweiz verteidigt werden kann, ist es möglich, die Errungenschaft eines aufgeklĂ€rten, freiheitlichen Menschenbildes zu sichern und weiterzuentwickeln.

Jene, die bisher das Narrativ der «SVP»- oder «Putin-Initiative» vorschieben, weichen damit nur der Frage nach den Ursachen der zunehmenden Konflikte aus. Dadurch akzeptieren sie teilweise unbewusst oder resignierend den laufenden Prozess der EntmĂŒndigung.

Hans Bieri, Schweizerische Vereinigung fĂŒr Landwirtschaft und Industrie (SVIL), Mitglied im Komitee der NeutralitĂ€tsinitiative.

René Roca, Forschungsinstitut direkte Demokratie (FIDD), Mitglied im Komitee der NeutralitÀtsinitiative.

Eine gekĂŒrzte Version des Artikels erschien in der NZZ vom 30. April 2026.

«Das deutsche Schulsystem ist durch und durch auf StabilitĂ€t und Kontrolle angelegt» – und daher so schwer reformierbar

Das Zielbild einer modernen Schule ist seit Jahren klar umrissen: individuellerer Unterricht, stĂ€rkere Kooperation, die systematische Nutzung von Daten fĂŒr die Schulentwicklung, multiprofessionelle Teams und eine Kultur des Lernens statt reiner Kontrolle. Dennoch verĂ€ndert sich das deutsche Schulsystem nur quĂ€lend langsam. Warum scheitern Reformen so hĂ€ufig?

Der Transformationsforscher Ekkehard ThĂŒmler liefert in einem Interview mit Spektrum der Wissenschaft eine ernĂŒchternde Diagnose: Das System sei «durch und durch auf StabilitĂ€t und Kontrolle angelegt» und daher nur schwer reformierbar. Das berichtet News4teachers.de.

ThĂŒmler, Senior Fellow am Centre for Social Investment der UniversitĂ€t Heidelberg und GrĂŒnder des «New School Lab», bezieht sich auf das Projekt «Schule neu denken», in dem 17 Bildungsforscher ein umfassendes Zukunftsbild entworfen haben. Er teilt dieses Bild weitgehend, betont aber vor allem die enorme Kluft zwischen heutiger RealitĂ€t und notwendiger Zukunft. Das Problem liege nicht in der Formulierung von Zielen – «wir wissen, wo wir hinwollen» –, sondern im «Wie» der Umsetzung.

Genau hier seien ReformbemĂŒhungen der vergangenen Jahrzehnte immer wieder gescheitert. Ein zentrales Hindernis sieht ThĂŒmler in der Struktur des Systems selbst. Es handele sich um ein stark bĂŒrokratisches, von Verwaltung gesteuertes Gebilde, in dem Schulen am unteren Ende einer hierarchischen «Nahrungskette» als unselbststĂ€ndige Einheiten stĂŒnden. VerĂ€nderung mĂŒsse jedoch genau dort stattfinden.

Erschwerend komme die Aufsplitterung der ZustĂ€ndigkeiten hinzu: BundeslĂ€nder sind fĂŒr PĂ€dagogik und Personal zustĂ€ndig, Kommunen fĂŒr GebĂ€ude und Infrastruktur. International habe sich dagegen die BĂŒndelung von Verantwortung vor Ort bewĂ€hrt.

Der Forscher beschreibt diesen Zustand mit dem Begriff «Lock-in» aus der Transformationsforschung: Das System sei so sehr in seiner eigenen Logik gefangen und in verfestigten Strukturen blockiert, dass es sich nicht mehr an eine sich verĂ€ndernde Umwelt anpassen könne. ThĂŒmler:

«Man kann dann die Ärmel hochkrempeln, wie man will. Es kommt dabei nur noch mehr desselben heraus.»

Als Parallele zieht er die deutsche Automobilindustrie heran, die den Umstieg in die ElektromobilitÀt verpasst habe und von ihrer einst starken Position verdrÀngt worden sei. Auch die bisherige Praxis der Bildungsinnovation kritisiert er scharf. Erfolgreiche Einzelschulen, etwa TrÀger des Deutschen Schulpreises seit 2006, strahlten nicht automatisch in die Breite aus.

Wissenschaftliche Projekte und Programme wie SINUS endeten regelmĂ€ĂŸig «im Nichts», sobald die Förderung auslaufe. Statt kurzfristiger Projekte fordert ThĂŒmler ein Denken in langfristigen «Missionen», an denen viele Akteure ĂŒber Jahre hinweg arbeiten.

Stattdessen produziere man im Bildungsbereich «sĂŒndhaft teure einstĂŒrzende Neubauten». Als LösungsansĂ€tze nennt der Transformationsforscher unter anderem Innovationsagenturen, die Forschungsergebnisse in die Praxis tragen und dauerhaft weiterentwickeln, sowie strukturelle VerĂ€nderungen bei der SchultrĂ€gerschaft. Das «planwirtschaftlich organisierte System» mĂŒsse stĂ€rker privatwirtschaftlich aufgestellt werden – nicht unbedingt kommerziell, sondern beispielsweise durch Non-Profit-Organisationen wie die erfolgreichen Academies in England.

Mehr Autonomie fĂŒr Einzelschulen allein reiche jedoch nicht aus; echte Transformation erfordere grundlegende VerĂ€nderungen in vielen Bereichen.

Diese systemische TrĂ€gheit wird auch von Praktikern aus dem Inneren des Systems scharf kritisiert. Die ehemalige Rektorin Silke MĂŒller, die 16 Jahre die Waldschule Hatten in Niedersachsen leitete und Autorin des Buches «Schule gegen Kinder» ist, bezeichnet das deutsche Schulsystem in einem Interview mit der Welt sogar als «bankrott». Es werde den BedĂŒrfnissen der Kinder nicht gerecht und sei mit starren Strukturen, ĂŒberbordender BĂŒrokratie und einseitigem Leistungsdruck ĂŒberfordert (TN berichtete).

MĂŒller fordert einen grundlegenden Umbau: die Abschaffung von Noten, um stĂ€ndigen Druck zu beseitigen und den Fokus auf individuelle Entwicklung zu legen. Statt Noten solle es regelmĂ€ĂŸige Feedback-GesprĂ€che ausschließlich zwischen LehrkrĂ€ften und SchĂŒlern geben – ohne Eltern –, damit Kinder Verantwortung fĂŒr ihren eigenen Lernprozess ĂŒbernehmen. Die starren 45-Minuten-FĂ€cherstrukturen sollen zugunsten themen- und projektorientierten, ganzheitlichen Lernens aufgelöst werden, das kognitive, soziale, emotionale und praktische Kompetenzen verbindet.

Konkret plĂ€diert sie fĂŒr ein neues Fach «Leben lernen», das praktische Alltagskompetenzen und Resilienz vermittelt. Weitere VorschlĂ€ge umfassen die Abschaffung klassischer Hausaufgaben zugunsten von KreativitĂ€t und KI-Kompetenz, mehr Zeit fĂŒr Beziehungsarbeit, verpflichtende Fortbildungen fĂŒr LehrkrĂ€fte sowie einen bundesweiten Bildungsstaatsvertrag mit einem nationalen Bildungsrat, der Bildungspolitik langfristig und parteiĂŒbergreifend gestaltet.

Solche AnsÀtze werden bereits an einzelnen Schulen erprobt, etwa an der Alemannenschule in Wutöschingen (ohne festen Stundenplan und mit selbstbestimmtem Lernen), der Waldparkschule Heidelberg (keine Noten bis Klasse 8) oder der UniversitÀtsschule Dresden.

Die «Corona-Zeit» hat derweil die Defizite des Systems zusĂ€tzlich verschĂ€rft: Lockdowns haben die Entwicklung exekutiver Funktionen bei Kindern um Jahre zurĂŒckgeworfen, wĂ€hrend die Digitalisierung mit stĂ€ndiger ReizĂŒberflutung Frustrationstoleranz und Resilienz weiter schwĂ€cht.

ThĂŒmlers strukturelle Analyse und MĂŒllers radikale Praxiskritik machen eines deutlich: Ohne tiefgreifende VerĂ€nderungen in Struktur, Kultur und Inhalten dĂŒrfte die visionĂ€re Schule, die als lernende Organisation agiert und Kinder wirklich auf das Leben vorbereitet, vorerst unerreichbar bleiben.


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