Börsengang von Musks SpaceX: Warum die Billionen-Bewertung gefÀhrlich wackelt
WĂ€hrend Elon Musk mit dem Börsengang von SpaceX zum ersten BillionĂ€r der Welt aufgestiegen ist, mehren sich die Stimmen, die vor einer gefĂ€hrlichen Ăberbewertung warnen. Dem Raumfahrtunternehmen wird ein Wert von rund 1,77 Billionen Dollar beigemessen â mehr als das Bruttoinlandsprodukt Spaniens.
Doch SpaceX schreibt weiterhin hohe Verluste: 2025 lag der Nettoverlust bei 4,94 Milliarden Dollar, im ersten Quartal 2026 kamen weitere 4,3 Milliarden hinzu. Dennoch war der Börsengang massiv ĂŒberzeichnet. GroĂe Investoren wie BlackRock, Vanguard, norwegische Staatsfonds und der saudische PIF drĂ€ngten sich um die Anteile.
Der Markt preist nicht nur das bestehende GeschĂ€ft mit Starlink, dem von SpaceX betriebenen Satellitennetzwerk, mit rund zehn Millionen Abonnenten und einem operativen Gewinn ein, sondern vor allem zukĂŒnftige Visionen: Starship fĂŒr Mars-Missionen, Starshield fĂŒr militĂ€rische Anwendungen und den Plan, bis zu einer Million Satelliten als orbitale KI-Rechenzentren zu betreiben.
Die Analyseagentur Morningstar kommt hingegen auf einen fairen Wert von lediglich 780 Milliarden Dollar â also auf weniger als die HĂ€lfte der aktuellen Marktbewertung. In dieser SchĂ€tzung seien bereits alle groĂen Zukunftsversprechen enthalten. Dazu heiĂt es in einer Focus-Analyse:
«Was der Markt heute zahlt, hat nichts mehr mit SpaceX zu tun. Auch nichts mit Starship oder mit Mars. Diese TrÀume sind alle schon in den 780 Milliarden enthalten. Was der Markt obendrauf legt, sind knapp eine Billion Dollar reine Phantasie.»
Besonders pikant ist das sogenannte Karussell, das sich in der Tech- und KI-Branche dreht. Die vier groĂen Hyperscaler â Amazon, Microsoft, Google und Meta â haben fĂŒr 2026 Investitionen von insgesamt 725 Milliarden Dollar angekĂŒndigt, vor allem in Rechenzentren und KI-Infrastruktur.
Dieses Geld flieĂt teilweise in KI-Unternehmen wie OpenAI oder Anthropic, die es wiederum nutzen, um Cloud-Dienste und RechenkapazitĂ€t genau bei diesen Hyperscalern einzukaufen. Das Ergebnis: Die Hyperscaler verbuchen höhere UmsĂ€tze, ihre Aktienkurse steigen, sie können sich gĂŒnstig refinanzieren und noch mehr Kapital in die nĂ€chste Runde pumpen.
Ein sich selbst verstĂ€rkender Kreislauf aus Kapital, Bewertungen und Erwartungen â oft als Round-Tripping kritisiert, das in anderen Branchen regulatorisch problematisch wĂ€re. SpaceX und xAI sind Teil dieses gröĂeren Ăkosystems, in dem Narrative und zukĂŒnftige Versprechen mehr zĂ€hlen als aktuelle Gewinne.
Bleibt die Frage, wann das Ende kommt. Dazu Focus:
«Solche Konstruktionen kollabieren nicht, weil das GeschÀft plötzlich schlechter wird. Sie kollabieren, wenn das frische Kapital ausgeht.»
Und genau hier werde die Sache interessant. In den nĂ€chsten 12 bis 24 Monaten sollen weitere hunderte Milliarden ĂŒber IPOs (unter anderem Anthropic und OpenAI) und Folgefinanzierungen eingesammelt werden â aus demselben Pool von Pensionsfonds, Staatsfonds und Vermögensverwaltern.
Das System funktioniert wie ein Karussell, bei dem stĂ€ndig neues Geld benötigt wird. Solange neue Investoren zu den hohen Preisen einsteigen, steigen die Bewertungen und frisches Kapital flieĂt leicht. Sobald dieser «letzte KĂ€ufer» ausbleibt, können die Bewertungen nicht mehr steigen und die Refinanzierung wird teurer.
Dann gerĂ€t das Karussell ins Stocken: Die Geldzufuhr versiegt und die hochfliegenden PlĂ€ne lassen sich nicht mehr finanzieren â auch wenn das operative GeschĂ€ft noch lĂ€uft.
Der IPO hat SpaceX erstmal Luft verschafft und den kritischen Punkt um einige Zeit nach hinten verschoben. Das Karussell dreht sich also weiter â aber es hĂ€ngt jetzt stark davon ab, ob der Aktienkurs stabil bleibt und ob die MĂ€rkte auch in Zukunft bereit sind, zu diesen extrem hohen Bewertungen weiteres Geld nachzuschieĂen. Focus gibt auch zu bedenken:
«Schauen Sie sich an, was noch in der Pipeline steht. SpaceX hat 75 Milliarden Dollar aus dem Markt gezogen. Anthropic plant den Börsengang fĂŒr 2027, das werden vermutlich zwischen 50 und 100 Milliarden Emissionsvolumen.
OpenAI ebenfalls 2027, geschÀtzt 100 bis 150 Milliarden. xAI braucht weitere Finanzierungsrunden, 20 bis 30 Milliarden. Hinzu kommt Stargate, das von OpenAI, SoftBank und Oracle getragene Infrastrukturprojekt mit einer Ambition von 500 Milliarden Dollar. Plus die Hyperscaler, die in den nÀchsten drei Jahren weitere 1,5 Billionen an Anleihen am Markt platzieren wollen.»
Das macht zusammen, je nach Rechnung, irgendwo zwischen 800 Milliarden und einer ganzen Billion (= 1.000 Milliarden) Dollar, die in den nÀchsten zwölf bis 24 Monaten zusÀtzlich abgesaugt werden sollen. Doch aus welchem Markt? Die Antwort von Focus:
«Aus genau dem Markt, der bisher schon investiert hat. Es gibt keinen zweiten Topf irgendwo, der noch unangezapft wÀre. Die Staatsfonds sind dieselben. Die Pensionskassen sind dieselben. Die Vermögensverwalter sind dieselben. Was abgegriffen ist, ist abgegriffen.»
In der Focus-Analyse wird auch der Vergleich zum Dotcom-Boom gezogen. Im MĂ€rz 2000 war Cisco Systems das wertvollste Unternehmen der Welt. Die Vision vom Internet hatte sich letztlich vollstĂ€ndig bewahrheitet â doch die Aktie brauchte 24 Jahre, um ihren damaligen Höchststand wieder zu erreichen, nachdem sie zwischenzeitlich ĂŒber 80 Prozent verloren hatte.
Viele andere Tech-Firmen der damaligen «New-Economy»-Zeit verschwanden ganz oder verloren fast ihr gesamtes Kapital. Kritiker sehen in der aktuellen KI- und Space-Hype-Phase Ă€hnliche Muster: Massive Kapitalströme von Hyperscalern wie Amazon, Microsoft und Google flieĂen in Rechenzentren und KI-Projekte, oft in sich selbst verstĂ€rkenden KreislĂ€ufen.
SpaceX ist dabei nur ein besonders sichtbarer Teil eines gröĂeren PhĂ€nomens. Der SpaceX-Börsengang markiert nach Ansicht mancher Beobachter einen tieferen Wandel. SpaceX-Chef Musk wird nicht mehr nur als Unternehmer wahrgenommen, sondern als Bezugspunkt einer eigenen wirtschaftlichen, technologischen und kulturellen Ordnung (TN berichtete).
AnhÀnger beschreiben eine fast religiöse LoyalitÀt. Ein Musk-naher Podcaster wird mit dem Satz zitiert:
«Es gibt Menschen, die Elon â egal, was er tut â bis ans Ende der Welt folgen wĂŒrden. Sie wĂŒrden fĂŒr ihn sterben. Sie glauben, er sei unfehlbar.»
Ob visionĂ€rer Innovator oder riskanter Hype â die Debatte zeigt, wie sehr sich Teile des Kapitalmarkts heute um einzelne Personen und ihre Narrative organisieren.
Der Vergleich mit der Cisco-Ăra mahnt derweil zur Vorsicht: Auch damals war die zugrunde liegende Technologie revolutionĂ€r. Der Preis, den Anleger dafĂŒr zahlten, erwies sich dennoch als zu hoch. Bei SpaceX und dem weiteren Musk-Imperium stellt sich die gleiche Frage â nur in noch gröĂerer Dimension.