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Corona Transition

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Feed Titel: Transition News


Mobilfunk: Gefahren seit Jahrzehnten unterdrückt

Transition News: Herr Professor Buchner, Sie sind nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Politiker. Können Sie bitte kurz etwas zu Ihrer Person und zu Ihrem Werdegang sagen?

Klaus Buchner: Ich habe von klein an gewusst, dass ich Physik studieren will und bin nach wie vor begeistert davon. Allerdings ursprünglich mit Betonung auf mathematische Physik. Ich bin als Physiker gebeten worden, Ausbreitungsrechnungen für eine Chemiefirma zu machen, und wir hatten bei den Anwohnern sichtbare Schäden festgestellt.

So bin ich mit meinen Physikkenntnissen zur Politik gekommen, und ich habe so gut es ging Bürgerinitiativen geholfen. Im Jahr 1998 bin ich auf Mobilfunk angesprochen worden, und seither lässt mich dieses Thema nicht mehr los.

Ich sollte vielleicht noch erwähnen, dass ich politisch aktiv bin und zwar in der ÖDP, der Ökologisch Demokratischen Partei. Weil das die einzige Partei war, die sich damals um diese Probleme gekümmert hat, und das ist bis heute so. Von 2003 bis 2010 war ich Bundesvorsitzender der ÖDP und von 2014 bis 2020 für die ÖDP im EU-Parlament.

Sie beschäftigen sich also seit fast 30 Jahren mit dem Thema Mobilfunk. Manche meinen, Funkstrahlung gebe es doch schon so lange, für Radio und Fernsehen zum Beispiel, deswegen müsse doch auch Mobilfunk ungefährlich sein?

Funkstrahlung ist nicht gleich Funkstrahlung. Die ersten wissenschaftlichen Untersuchungen wurden schon Anfang des 20. Jahrhunderts durchgeführt. Und eine Arbeit, auf die man sich heute noch gut beziehen kann, stammt von Erwin Schliephake aus dem Jahr 1932. Dort sind praktisch alle Schäden, die wir heute beobachten, beschrieben. Das ist alles nichts Neues, sondern war von Anfang an bekannt. Schliephake hatte logischerweise noch keinen Mobilfunk, es ging damals um Kurzwellentherapie.

Bedeutet das, dass Funkstrahlung für Radio und Fernsehen auch nicht ganz ungefährlich ist und die Gefahren nur missachtet wurden?

Sie ist deswegen relativ ungefährlich, weil die Feldstärken, die bei uns von den Sendern ankommen, in den meisten Fällen minimal sind. Leider muss ich sagen: «in den meisten Fällen». Es gibt in der Nähe von großen Sendern zum Beispiel Häufungen von Leukämiefällen. Es gab Probleme mit Fernsehsendern, die eine Zeitlang mitten in Dörfern und Städten aufgebaut wurden. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei.

Heute sind in den allermeisten Fällen die Feldstärken von Rundfunk und Fernsehen gering, sodass man sie nicht besonders beachten muss. Aber wie gesagt, es gibt Ausnahmen.

Und warum sind Mobilfunkbasisstationen und die Strahlung, die davon ausgeht, für Menschen sehr wohl bedenklich?

Das liegt an der Stärke der Strahlung. Die Strahlung von Mobilfunkbasisstationen, aber auch zu Hause zum Beispiel von WLAN-Modems oder Schnurlostelefonen, ist um ein Vielfaches stärker. Vielfaches heißt tausend-, zehntausendmal und noch mehr. Und dann wird es natürlich gefährlich.

Übrigens, die ersten Beobachtungen wurden in der US-amerikanischen Botschaft in Moskau gemacht. Von Anfang der 1950er Jahren bis Mitte der 1970er Jahre wurde die Botschaft mit Feldstärken bestrahlt, die heute im Bereich dessen liegen, was wir beim Mobilfunk haben. Die Folgen der Bestrahlung damals waren fürchterlich. Das ist sogar offiziell anerkannt worden.

Um wie viel höher ist die Strahlung für Mobilfunk im Vergleich zu Radio und Fernsehen?

Bei Radio und Fernsehen reicht etwa ein Mikrowatt pro Quadratmeter. Bei Mobilfunk würde das zum Telefonieren auch völlig genügen. Aber aktuell mit 5G wird versucht, mit besonders hohen Feldstärken zu senden, um die Zeiten für das Herunterladen von Videos zum Beispiel zu verkürzen.

Ich habe selber in München im Untergeschoss des Marienplatzes 800.000 Mikrowatt pro Quadratmeter gemessen. Wie gesagt, weit weniger als ein Mikrowatt, also ein Bruchteil davon, reicht für die Sprachverständigung aus, aber nicht für schnelles Downloaden von Filmen.

Die offiziellen Grenzwerte liegen etwa bei zehn Millionen Mikrowatt pro Quadratmeter.

Welche Frequenzen werden für Mobilfunk verwendet?

Die niedrigsten Frequenzen, die verwendet werden, sind 700 MHz, also 700 Millionen Schwingungen pro Sekunde. Und es geht heute hinauf bis 3600, 3700 MHz, also 3,6 Milliarden Schwingungen pro Sekunde. Das nächste Band soll für 26 Gigahertz, also 26 Milliarden Schwingungen pro Sekunde, freigegeben werden. In den USA wird das schon probeweise eingesetzt.

«Pulsung» und «Millimeterwellen» sind zwei weitere Begriffe, die im Zusammenhang mit Mobilfunk genannt werden. Könnten Sie die bitte noch erklären?

Ab 30 Milliarden Schwingungen in der Sekunde sprechen wir von «Millimeterwellen». Unsere Behörden vertreten die Ansicht, dass diese sehr kurzen elektromagnetischen Wellen völlig harmlos seien, weil sie nicht in das Gewebe eindringen und die Strahlung an der Oberfläche der Haut absorbiert würde.

Erstens ist das Argument in sich unsinnig: Wenn die ganze Leistung in einer sehr dünnen Schicht absorbiert wird, dann erhitzt sich diese natürlich, und das kann durchaus biologische Probleme bringen. Zweitens vergessen diese Leute, dass Sommerfeld und Brillouin schon vor gut 100 Jahren in München entdeckt haben, dass bei kurzen Pulsen die Strahlung sehr viel tiefer ins Gewebe eindringt. Für die Physiker: Das hängt damit zusammen, dass die Absorption der Strahlung mit dem Einschwingen des Materials zu tun hat und diese Einschwingvorgänge brauchen eine gewisse Zeit. Pulse, die kürzer sind, erlauben eben dieses Einschwingen nicht, werden daher nicht absorbiert und dringen sehr tief ein.

Zur Pulsung: Die deutschen Grenzwerte beziehen sich auf Durchschnittswerte. Biologisch wirken aber die Spitzenwerte. Das heißt also, hier können Grenzwerte mit den Spitzen problemlos überschritten werden. Warum biologisch die Spitzenwerte relevant sind, können wir uns folgendermaßen plausibel machen: Was ist Ihnen lieber? Wenn Ihr Partner beziehungsweise Ihre Partnerin Sie eine Viertelstunde lang lieb streichelt oder wenn Sie zwei kräftige Ohrfeigen bekommen? Der Durchschnittswert des Drucks auf die Haut ist derselbe, aber der biologische Effekt ist doch sehr unterschiedlich. Und so reagieren auch unsere Zellen.

Und wozu dient die Pulsung?

Ursprünglich, bei den alten Standards, waren das Zeitschlitze, in denen ein Handy senden konnte. Das heißt, eine Übertragungsfrequenz konnte mehr Information übermitteln, als man für ein Gespräch gebraucht hat. Und weil die zugeteilten Frequenzen viel Geld kosten, wurden einfach Zeitschlitze gebildet – damals 217 in einer Sekunde und die wurden in acht Teile aufgeteilt. Einer von diesen acht Teilen diente der Steuerung des ganzen Systems, die anderen konnten von sieben unterschiedlichen Telefonen für Gespräche genutzt werden. Da ging es um reine Ökonomie, Sparsamkeit von Frequenzen.

Beim modernen Mobilfunk wird mit Kombinationen aus verschiedenen Modulationen gearbeitet. Dabei spielen Pulse eine Rolle, aber auch Frequenzverschiebungen, Phasenverschiebungen und vieles mehr.

Bevor wir zum Thema 5G kommen: Sie haben auch schon zu Zeiten von 3G und 4G an Studien mitgewirkt. Könnten Sie darauf kurz eingehen?

Bei der ersten Studie ging es um Neurotransmitter, unter anderem Adrenalin, Noradrenalin und Phenylethylamin – über diesen Stoff wird selten gesprochen, obwohl er für das Verhalten von Kindern sehr wichtig ist. Aber er kann nicht medikamentös gegeben werden. Der Ersatzstoff ist Ritalin. Es ist allgemein bekannt, was passiert, wenn es an Phenylethylamin mangelt.

Wir Menschen reagieren also auch psychisch auf die Strahlung. Denn das Ergebnis war, dass nur bei sehr schwacher Strahlung, wie sie heute kaum noch irgendwo zu finden ist, die Neurotransmitter-Werte normal geblieben sind. Und bei stärkerer Strahlung sind diese Werte rapide gesunken.

Solche Versuche können heute gar nicht mehr durchgeführt werden, weil es keine Menschen gibt, die noch so einer schwachen Strahlung ausgesetzt sind. Wird heute ein neuer Sender installiert, dann lagen die Feldstärken bereits vorher viel höher. Es gibt also keine Kontrollgruppe mehr.

Bei meiner zweiten Studie ging es um Erbschäden und Fruchtbarkeitsstörungen in einem Schweinezuchtbetrieb. Fruchtbarkeitsstörungen durch Funk sind allgemein im Tierreich bekannt und sind übrigens auch bei Menschen ganz klar zu beobachten. Eine der bestnachgewiesenen Schäden bei Menschen sind Spermienschäden und Hormonprobleme.

Mich persönlich haben die Missbildungen interessiert. Bezogen auf etwa 8.000 Tiere hatten 0,9 Prozent der Ferkel Missbildungen, bei einer Bestrahlung, die weit unter dem lag, was heute allgemein üblich ist. Wir setzen diese Untersuchung jetzt mit anderen Rassen und anderen Verhältnissen fort.

Rund ein Prozent der Tiere hatten Missbildungen. Wo liegt der Normalwert?

In der Nähe von null. Die Zahlen sind vernachlässigbar.

Und zu diesen Missbildungen bei Ferkeln ist es schon vor 5G gekommen?

Das war vor 5G, bei einer relativ schwachen Strahlung. Wir konnten das sowohl statistisch als auch biologisch sehr gut dokumentieren. Wir haben nur die äußerlich sichtbaren Missbildungen gezählt. Denn die Missbildungen der inneren Organe gehen als Totgeburt oder Tod nach der Geburt in die Statistik ein. Die sichtbaren Schäden erinnern sehr an «Contergan». Und die Wirkung ist durchaus vergleichbar.

Als Wissenschaftler interessiert mich natürlich, ob das Schäden sind, die an die nächsten Generationen vererbt werden, oder ob sie während der Trächtigkeit der Tiere, bei Menschen während der Schwangerschaft, bei der Zellteilung entstehen. Und die traurige Antwort ist: Beides spielt eine Rolle.

2021 erschien Ihr Buch «5G Wahn(sinn)», das Sie gemeinsam mit Monika Krout geschrieben haben. Damals ging das mit 5G erst los. Was hat sich inzwischen bei der Strahlung, Stichwort «Beamforming», verändert?

Die Strahlung ist sehr viel stärker geworden. Das ist erschreckend. Meine Messung von 800.000 Mikrowatt in München ist kein Einzelfall, Kollegen haben Ähnliches gemessen. Dabei bezieht sich das auf die niedrigen Frequenzen, die rundum strahlen.

Bei den hohen Frequenzen über drei Gigahertz, also drei Milliarden Schwingungen pro Sekunde, gibt es «Beamforming», auf Deutsch gesagt, Bleistiftstrahlen. Dabei wird nicht mehr in die ganze Umgebung gesendet, sondern ein relativ dünner Strahl tastet die ganze Umgebung ab, etwa 50 Mal in der Sekunde. Und wenn er auf ein Gerät trifft, das auf Empfang geschaltet ist, dann merkt er sich das und übermittelt die entsprechenden Informationen.

Das heißt also, die Zeitdauer, die so ein Strahl auf einem Gerät ist, ist sehr kurz, sie liegt im Bereich von Millisekunden. Aber der Strahl muss natürlich entsprechend stark sein, damit er in dieser kurzen Zeit die Informationen übertragen kann.

Was gibt es denn dagegen einzuwenden?

Denken Sie an den Vergleich mit der Ohrfeige weiter oben. Falls die Strahlung weit über zehn Millionen Mikrowatt pro Quadratmeter geht, wenn auch nur kurz, ist das für den Körper, für die Zellen sehr schlecht, weil so die physikalischen Verhältnisse geändert werden.

Es wird ja von den deutschen Bundesämtern behauptet, eine Mobilfunkstrahlung könne gar nicht gefährlich sein, weil die Energie zu gering sei, um chemische Verbindungen aufzulösen. Wie wenn Schäden nur durch direktes, unmittelbares Auflösen von chemischen Bindungen entstehen könnten!

In meinem Buch habe ich sieben verschiedene Mechanismen beschrieben. Bei einem geht es darum, dass die Form der komplizierten Moleküle eine biologische Wirkung hat. Und diese Form wird von den Van-der-Waals-Kräften gehalten. Das sind sehr schwache elektrische Anziehungen zwischen bestimmten Teilen eines Moleküls.

Und diese Bindungsenergie liegt genau im Energiebereich der Mobilfunkstrahlung. Das ist auch experimentell sehr gut nachgewiesen. Denken Sie an die Versuche von Henrik und Jacob Bohr, die festgestellt haben, wie solche Moleküle bei starker Strahlung schwingen, ihre Form verlieren und damit biologisch völlig andere Reaktionen auslösen können. Stichpunkt: Kalziumkanäle. Damit kann eine ganze Kette von chemischen Reaktionen ausgelöst werden, ohne dass die Strahlung direkt wirkt. Unsere Behörden halten uns für dumm.

Könnten Sie das mit den Kalziumkanälen näher erklären?

Eine Zelle hat eine Zellmembran, die sie chemisch und auch elektrisch von der Umgebung trennt. Innerhalb der Zellmembran haben wir ein negatives Potenzial, außen ein positives. Und das positive Potenzial außen wird durch positiv geladene Teilchen, zum Beispiel Kalzium-Ionen, Kalium-Ionen und andere erzeugt.

Wenn eine Zelle aktiv wird, zum Beispiel wenn sie einen Nervenimpuls weiterleitet oder wenn sich eine Muskelzelle zusammenzieht, dann werden kleine Löcher in der Zellmembran geöffnet, das Kalzium strömt ein und verändert nicht nur die elektrischen Verhältnisse in der Zelle, sondern auch die chemischen. Und dann passiert die Reaktion, die eben diese Zelle ausführen soll, entweder eine Muskelkontraktion oder Weiterleitung von Nervenimpulsen und so weiter.

Dieses Einströmen von Kalzium ist ein wichtiger Effekt, damit Zellen ihre Aufgabe erfüllen können. Und jetzt haben wir festgestellt, dass Funkstrahlung die Kalziumkanäle öffnet. Das ist durch sehr viele Experimente nachgewiesen.

Man kann inzwischen sogar auch nachrechnen, wie das passiert. Diese Kalziumkanäle werden durch sehr komplizierte Proteine verschlossen, die vier spiralförmige Teile haben. Und diese spiralförmigen Teile werden, wie oben erwähnt, durch Van-der-Waals-Kräfte zusammengehalten. Die Bindungsenergie liegt dabei genau im Bereich der Mobilfunkstrahlung.

Das bedeutet, unter Einstrahlung lösen sich diese Bindungen, die Proteine verlieren ihre Steifigkeit und können die Löcher nicht mehr verschließen, sondern machen sie für Kalzium durchlässig. Und dann kontrahiert sich eine Muskelzelle oder eine Nervenzelle leitet einen Impuls weiter.

Das erklärt wohl, warum einige Menschen tatsächlich Schmerzen empfinden, wenn sie Mobilfunkstrahlung ausgesetzt sind.

Aber der springende Punkt ist, dass biologisch gesehen diese Impulse nur kurze Zeit dauern dürfen. Ein Muskel, wenn er sich ständig zusammenzieht, verkrampft. Dauerhaft einwirkende Mobilfunkstrahlung wirkt sich also nicht nur auf die Chemie der Zelle aus, sondern auch auf ihre biologische Funktion, die nicht auf Dauer ausgelegt ist.

Außerdem entstehen besonders aggressive Verbindungen, Sauerstoff- und Stickstoffverbindungen, die unter anderem die Erbsubstanz angreifen. Und so ist chemisch sehr gut nachgewiesen, wie die DNA zerstört wird.

Zu diesen Schädigungen kommt es bei allen Menschen, die der Mobilfunkstrahlung ausgesetzt sind?

Die Versuche deuten darauf hin, dass das bei allen so stattfindet, aber die Reaktionen unterschiedlich sind. Wir wissen nicht, muss ich offen zugeben, warum manche Menschen und auch manche Tiere empfindlicher sind als andere.

2024, also nach dem Erscheinen Ihres Buches, wurde «ATHEM 3» veröffentlicht, eine Langzeitstudie in Deutschland, die den oxidativen Stress und die genetische Instabilität bei Anwohnern in der Nähe von Mobilfunk-Basisstationen bewertet.

Vielleicht kurz die Vorgeschichte: Wir wissen seit langem, dass reaktive Sauerstoff- und Stickstoffverbindungen innerhalb kurzer Zeit DNA-Schäden verursachen. Es gab dann das sogenannte «Reflex-Projekt», eine von der EU finanzierte internationale Studie, die das ebenfalls bestätigt hat.

Das Reflex-Ergebnis ist eine von mehreren Dutzend Studien, die das nachgewiesen haben. Ich erzähle das deswegen, weil die an der Studie beteiligten Wissenschaftler vonseiten der Industrie unglaublich verleumdet worden sind. Es wurde behauptet, sie hätten geschwindelt und gelogen. Es kam zu Gerichtsprozessen, bei denen der wichtigste Industrievertreter, der diese Verleumdungen verbreitet hat, mehrfach gerichtlich verurteilt wurde.

Jetzt darf Alexander Lerchl, lange Zeit einer der höchstrangigen Berater der Bundesregierung für Schäden durch Funk, ganz offiziell «Lügengeschichten-Erzähler» und «Gefälligkeitsforscher» genannt werden. So viel zum Zustand unserer Demokratie.

Aber jetzt weiter zu ATHEM 3: Ähnlich wie bei Untersuchungen von Radioaktivität wurde eine Gruppe von stärker durch Mobilfunk bestrahlten Personen mit einer nur schwach bestrahlten verglichen. Dabei wurde viel Sorgfalt darauf verwendet, dass sich die Menschen in beiden Gruppen so wenig wie möglich unterscheiden, außer bei der Funkstrahlung an und in ihrer Wohnung. Das Ergebnis war, dass die stärker bestrahlte Gruppe gravierende Chromosomenschäden hatte. Dabei war die Strahlung nicht einmal besonders stark.

Was bedeutet starke Bestrahlung? Um welche Größenordnung geht es dabei?

Es waren 619 Mikrowatt pro Quadratmeter, das war der durchschnittliche Volllastwert.

Die Auswertung der Chromosomenschäden geschah in einem Institut in der Slowakei, dessen Chef bei Tschernobyl von den Sowjets beauftragt worden war, die Erbschäden zu untersuchen. Er hat also große Erfahrung und ist heute international eine wichtige Größe. Er hat darauf hingewiesen, dass eine bestimmte Art von Chromosomenschäden, die sogenannten dizentrischen Chromosomen, natürlich kaum vorkommen. Und deswegen kann an ihrer Anzahl festgestellt werden, welche radioaktive Dosis eine Person abbekommen hat. Es gibt nämlich einen Zusammenhang zwischen der Anzahl dieser Chromosomenschäden und der radioaktiven Dosis.

Wir haben berechnet, welche radioaktive Dosis die von uns beobachteten Chromosomenschäden verursachen würde. Das Ergebnis ist eine Dosis von etwa 70 Millisievert. Ich darf daran erinnern, dass in Deutschland der Grenzwert für Radioaktivität eben wegen der Chromosomenschäden bei einem Millisievert pro Jahr liegt. Die Bewohner wurden dieser Mobilfunkstrahlung vor der Messung etwa ein Jahr ausgesetzt.

Wären also die beobachteten Chromosomenschäden durch Radioaktivität entstanden, wären die Grenzwerte um ein Vielfaches überschritten. Aber dieselben Chromosomenschäden durch Mobilfunk sind erlaubt. Die Bundesregierung nimmt also Krebserkrankungen und Erbschäden in den kommenden Generationen bewusst in Kauf.

Wie kann es sein, dass Regierung und Behörden all diese Studien und somit das Vorsorgeprinzip missachten?

Fast wöchentlich kommen neue Studien zu den Gefahren des Mobilfunks heraus. Das ist ein Gebiet, das zurzeit wissenschaftlich sehr gut beackert wird. Wir wussten aber schon von Anfang an, dass Erbschäden auftreten. Das war um das Jahr 2008 herum schon bekannt. Aber unsere Behörden versuchen, wissenschaftlichen Ergebnisse zu umgehen.

Als der Mobilfunk entwickelt wurde, hat sich eine industriefreundliche Gruppe gebildet, die sich darum gekümmert hat, dass nicht zu strenge Grenzwerte erlassen werden. Das war zuerst eine Abteilung einer internationalen Strahlenschutzgruppe und später ist daraus die ICNIRP, International Commission on Non-Ionizing Radiation Protection, Internationale Kommission zum Schutz vor nichtionisierender Strahlung, geworden. Dabei handelt es sich um eine Lobbygruppe der Mobilfunkindustrie.

Ich habe selber zusammen mit einer Kollegin im EU-Parlament eine große Studie veranlasst, die zum damaligen Zeitpunkt fast allen Mitgliedern von ICNIRP direkte Beziehungen zur Industrie nachgewiesen hat. Sie ignorieren einfach wissenschaftliche Ergebnisse, die ihnen nicht passen, und produzieren manchmal selbst «wissenschaftliche» Untersuchungen, die für sie ungünstige Ergebnisse übersehen.

Ich darf zum Beispiel an das Deutsche Mobilfunkforschungsprogramm erinnern. Dabei wurden mit Absicht alle Langzeitversuche abgelehnt, weil sehr deutlich herausgekommen wäre, wo die Schäden liegen. Und bei kurzfristigen Bestrahlungen können die Versuchsanordnungen immer so gestaltet werden, dass keine Schäden zu sehen sind. Die Ergebnisse werden einfach manipuliert, das muss ich so sagen.

Der Chef der Münchner Zweigstelle des Bundesamts für Strahlenschutz hat seit langer Zeit gleichzeitig einen sehr hohen Posten bei dieser Lobbygruppe ICNIRP. Und weil es praktisch ist, betreibt ICNIRP sein Büro mietfrei im Bundesamt für Strahlenschutz und wird von der Bundesregierung finanziell unterstützt. Diese Verflechtungen der Industrie mit Bundesbehörden sind für mich grauenhaft.

Welche Parteien beanstanden diese Verflechtungen oder die Gesundheitsrisiken?

Im EU-Parlament nur die ÖDP. Im Bundestag gibt es nur halbherzige Anträge anderer Parteien.

Es sind immer mehr Mobilfunkbasisstationen zu sehen. Wer entscheidet eigentlich, wo und von wem in Deutschland Mobilfunkanlagen aufgestellt werden dürfen?

Das entscheiden die Mobilfunkbetreiber selbst. Sie stellen einen Antrag bei der Bundesnetzagentur, die sogenannte «Schutzabstände» ausrechnet. Aber wie gesagt, der hohe Grenzwert von zehn Millionen Mikrowatt pro Quadratmeter bietet überhaupt keinen Schutz.

Und wer verdient denn damit?

Die Frage ist aktueller als viele Leute denken: Die Gesellschaften stellen ihre Masten auf und verdienen an den Telefongesprächen, international geht das in die Billionen.

Aber ich wurde auch von einer Bürgerinitiative um Hilfe gebeten, als ein 40 Meter hoher Mast aufgestellt wurde, der einen Ortsteil mit 120 Bewohnern und ein Stück einer Staatsstraße, auf der praktisch niemand fährt, versorgt. Die Betreiber haben selbst zugegeben, der Mast lohnt sich finanziell nicht. Die Regierung hat trotzdem großen Wert darauf gelegt, dass der Betreiber diesen Mast baut, da das Militär 5G nutzt. Ein Großteil der Kommunikation im Militär läuft über 5G.

Und 5G ist mit dem «Internet der Dinge» eng verknüpft. Das ist zunächst für die Industrie interessant. So eine typische Nachricht, die Sie dann auf Ihr Handy bekommen, könnte lauten: «Sie essen doch freitags gerne Fisch. Heute haben Sie aber keinen Fisch mehr im Kühlschrank. Im Discounter XY gibt es Fisch für 5,99 Euro.» Diese Art von Werbung funktioniert heute noch nicht, wird aber aufgebaut. Das ist der harmlosere Teil.

Der kritischere Teil ist natürlich die Überwachung. Die Überwachung, die bei der Elektronik im Auto beginnt, über Staubsauger, die melden, wann Sie wo was machen, und die bis zum Spielzeug reicht, das auch ein Mikrofon hat. All diese Daten werden zentral gesammelt.

Ich war im EU-Parlament der Berichterstatter für die Gesetzgebung zu Exporten von Überwachungstechnik in autoritäre Länder. Ich bin also mit dieser Technik leider vertraut. Und die detaillierte Überwachung setzt 5G voraus.

Soweit ich weiß, durchdringt die hochfrequente 5G-Strahlung Mauern oder auch Glas nicht so gut. Deswegen muss das Signal stärker sein. Was wird denn dabei aus der Unverletzlichkeit der Wohnung? Sehen Sie da einen Ansatz, sich zu wehren und zu klagen?

Ganz klar. Dieser Artikel in unserem Grundgesetz wird strikt verletzt.

Es laufen mehrere Prozesse international, einer der wichtigsten derzeit in den USA, wo endlich auch deutsche und österreichische Gutachter zugelassen sind. Es läuft einer in Flamen, also im flämischen Teil von Brüssel und im flämischen Teil von Belgien. Und es sind zwei Prozesse in Deutschland in Vorbereitung, über die ich noch nicht so viel erzählen will.

Es gibt juristisch gesehen eigentlich völlig klare Ansätze. Aber bisher war die Meinung der Gerichte, sie seien nur dazu da, zu überprüfen, ob die Gesetze eingehalten werden. Und die Gesetze erlauben diese hohe Strahlung – eben auch von außen in die Wohnungen hinein. Dass es dabei nachgewiesene Gesundheitsschäden und sogar Todesfälle gibt, das interessiert die Gerichte bisher nicht.

Kennen Sie Bürgerinitiativen, die sich erfolgreich gegen das Aufstellen von Mobilfunkanlagen wehren konnten?

Ja, die gibt es, aber leider nicht wegen erwiesener Gesundheitsschäden, sondern weil der Denkmalschutz oder bauliche Vorschriften missachtet worden sind.

Wie kann denn die Bevölkerung dem Gesetzgeber klarmachen, dass sie vor diesen Belastungen und den Risiken geschützt werden muss?

Das Ganze hängt ja auch mit dem Marktgeschehen zusammen – die militärischen Zwecke und die Überwachung sind eine andere Sache –, aber finanziert wird das Ganze durch unsere Mobilfunkgespräche und das Downloaden von Dateien. Und darin liegt die Marktmacht der Bevölkerung.

Es gibt technische Alternativen im Nahbereich, also innerhalb von Wohnungen, Büros oder – ganz wichtig – Schulen. Hier kann Lichttechnik verwenden werden, die sogar höhere Datenflüsse erlaubt als Funktechnik und nach heutigem Wissen völlig ungefährlich ist.

Für lange Strecken gibt es Modelle für den Aufbau eines Funknetzes, das auf einzelne hohe Türme verzichtet, die sehr stark strahlen und in der Umgebung natürlich die entsprechenden Schäden verursachen, und stattdessen sehr viele kleine schwache Sender verwendet. Das wird auch als «St. Gallener Modell» bezeichnet. Dabei wird nur die Leistung abgestrahlt, die auf der Straße in nächster Umgebung gebraucht wird.

Ganz wichtig ist, vom Prinzip der sogenannten Indoor-Versorgung wegzugehen und die Wohnungen nicht mehr von außen so stark zu bestrahlen. Niemand braucht in der zweiten Tiefgaragenebene noch guten Empfang, um Filme runterzuladen. Das ist Unsinn.

Wenn wir wirklich aus Sicherheits- oder anderen Gründen in Tiefgaragen Empfang haben wollen, können wir auf WLAN zurückgreifen. Es gibt ganz billige kleine WLAN-Verstärker, Größenordnung 100 Euro, die in Tiefgaragen die Funkversorgung gewährleisten können.

Es ist überhaupt nicht nötig, von außen mit solcher Macht loszudonnern, um in die zweite Tiefgaragenebene zu senden. Das Ganze müsste man verbieten. Und in St. Gallen haben sich kleine schwache Sendeanlagen gut bewährt. Wenn wir wollen, dann gibt es also weniger riskante Lösungen.

Hier in Schweden zum Beispiel ist Datenübertragung über Lichtsignale, die sogenannte LI-FI-Technologie, für private Haushalte noch nicht verfügbar. Also zurück zum Netzwerkkabel?

Ich verwende selber zu Hause wieder LAN. In der Wohnung brauche ich keinen Funk. Für Laptops, Tablets und Handys gibt es Adapter für Netzwerkkabel. Zumindest sollte das WLAN-Modem nachts ausgeschaltet sein. Es gibt auch Schnurlos-Telefone mit «Öko-Modus», die so eingestellt werden können, dass sie nicht dauernd funken.

Aber zunächst müssen wir mehr Menschen klarmachen, dass Mobilfunk negative Auswirkungen auf unsere Gesundheit hat. Ein Großteil der Bevölkerung sieht hier noch gar keine Gefahr. Die Falschmeldungen und die Unwahrheiten der Regierungseinrichtungen müssen richtiggestellt werden. Das hat für mich oberste Priorität.

Das Interview führte Sophia-Maria Antonulas.

«Deutschland wird neutral»: Plädoyer für eine neue außenpolitische Selbstbestimmung

Mit «Deutschland wird neutral» legen Uli Gellermann, Arnulf Rating und Jens Fischer Rodrian einen Sammelband vor, der die Debatte über die außenpolitische Ausrichtung Deutschlands neu beleben will. Mehr als 30 Autorinnen und Autoren versammeln sich im ersten Band, der ab dem 23. März erscheint, um die Idee staatlicher Neutralität aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten.

Zu den Mitwirkenden zählen unter anderem die Kabarettistin Lisa Fitz, der Schriftsteller Wolfgang Bittner, der Regisseur Dietrich Brüggemann, der Kulturmanager Diether Dehm, der Liedermacher Tino Eisbrenner, die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot sowie der Publizist und frühere Offizier Wolfgang Effenberger. Ihre Beiträge eint die Frage, wie Deutschland seine Rolle in einer zunehmend polarisierten Welt neu definieren kann.

Im Zentrum steht die Überlegung, ob eine staatliche Neutralität – auch mit Blick auf die Mitgliedschaft in der NATO – ein gangbarer Weg wäre, um militärische Verstrickungen zu vermeiden und diplomatische Spielräume zu erweitern. Die Autorinnen und Autoren verstehen das Buch als Auftakt zu einer breiteren gesellschaftlichen Diskussion, die an bestehende friedenspolitische Initiativen anknüpft.

Der Band zeichnet unterschiedliche Argumentationslinien nach, die in einem gemeinsamen Gedanken münden: Deutschland könne außenpolitisch eigenständiger handeln und seine Souveränität stärken. Neutralität wird dabei als Instrument beschrieben, um politische Selbstbestimmung zu fördern und außenpolitische Entscheidungen stärker an nationalen Interessen und friedenspolitischen Zielsetzungen auszurichten.

«Deutschland wird neutral» versteht sich als Debattenbeitrag – getragen von der Überzeugung, dass grundlegende Fragen von Krieg und Frieden öffentlich, plural und kontrovers verhandelt werden müssen. Der Sammelband setzt dabei auf die Kraft eines breiten Bündnisses aus Kultur, Wissenschaft und Publizistik, das Impulse für eine langfristige strategische Neuorientierung geben will. Das Buch kann hier bestellt werden.

Kaja Kallas: Unbequeme Persönlichkeit im Dienste der russophoben Zwecke der EU

Dieser Beitrag wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors übersetzt und übernommen.

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In den letzten Tagen sind Videos der europäischen Chefdiplomatin Kaja Kallas in den sozialen Medien viral gegangen. Darin macht sie Aussagen, die durch unzusammenhängende Argumentationen, schwache Assoziationen und Schlussfolgerungen gekennzeichnet sind, die sich logisch nicht aus den vorgestellten Prämissen ergeben. Gleichzeitig hielt sie eine weitere ihrer «ungewöhnlichen» Reden, in der sie erklärte, Europa werde eine Verkleinerung der russischen Armee fordern – eine Behauptung, die ohne jeglichen Verweis auf rechtliche, logistische oder strategische Grundlagen zur Untermauerung einer solchen Maßnahme aufgestellt wurde und die Inkonsistenz ihrer Position deutlich macht.

Diese Aussage unterstreicht nicht nur die Entfremdung der europäischen Diplomatie von der geopolitischen Realität, sondern auch die symbolische Funktion bestimmter Persönlichkeiten, die international sichtbare Positionen innehaben. Kallas, deren politische Laufbahn in Estland durch einen stark antirussischen Diskurs gefestigt wurde, ist zu einem Teil der ideologischen Rhetorik geworden: Sie spielt die Rolle einer «Wächterin» der europäischen Russophobie und es scheint sie nicht zu stören, aufgrund ihrer irrationalen öffentlichen Äußerungen als «töricht» angesehen zu werden.

Über diesen Aspekt hinaus hat diese Dynamik auch eine praktische Funktion. Im Inland sah sich Kallas in Estland erheblichen politischen Belastungen ausgesetzt: Ihr Familienkreis unterhielt geschäftliche Beziehungen zu Russland und nationalistische Kreise kritisierten sie für ihre Wirtschaftspolitik, die angeblich die wirtschaftliche Stabilität des Landes schwächte. In diesem Sinne war ihre Beförderung zur Chefin der europäischen Diplomatie eine praktische Lösung – sie entfernte eine erschöpfte Persönlichkeit aus der heimischen Politik und nutzte gleichzeitig ihre «wütende» Haltung gegenüber Moskau, um die antirussische Haltung auf kontinentaler Ebene aufrechtzuerhalten.

Kallas' Leistung steht jedoch nicht für strategische Autonomie. Die Außenpolitik der Europäischen Union ist in der Präsidentschaft der Europäischen Kommission unter der Führung von Ursula von der Leyen zentralisiert. In diesem Zusammenhang erfüllt Kallas im Wesentlichen die Rolle der Sprecherin und Ausführenden der vom harten Kern des Blocks festgelegten Leitlinien, der Sanktionen, Verteidigungspolitik und die Ausrichtung auf die NATO und die Vereinigten Staaten koordiniert. Der Kontrast zwischen ihren performativen Aussagen und ihrer tatsächlichen Entscheidungsbefugnis spiegelt eine Strategie wider, die konfrontative Rhetorik gegenüber politischem Pragmatismus priorisiert.

Aus geopolitischer Sicht ist die Idee einer einseitigen Reduzierung des russischen Militärpersonals unrealistisch. Moskau interpretiert den aktuellen Konflikt als Teil eines strukturellen Streits über die NATO-Erweiterung und die vom Westen geförderte strategische Eindämmung. Symbolischer Druck oder öffentliche Erklärungen Europas, denen Verhandlungsmechanismen oder konkrete Zwangsmittel fehlen, zeigen keine praktische Wirkung und verstärken im Gegenteil eher die defensive Haltung Russlands, wodurch die Wahrnehmung einer permanenten Feindseligkeit gefestigt wird.

Darüber hinaus sind die jüngsten Spannungen zwischen Kallas und von der Leyen bezeichnend. Kallas bezeichnet sie Berichten zufolge als «Diktatorin», weil sie die Macht in der Kommission zentralisiert – als ob nicht die gesamte bürokratische Struktur der EU genau darauf ausgelegt wäre, diese Art der Zentralisierung aufrechtzuerhalten. Es scheint, dass von der Leyen die transnationalen Eliten vertritt, die Europa kontrollieren, während Kallas lediglich eine austauschbare Figur auf diesem Schachbrett ist – ohne echtes Recht auf Meinung oder Beteiligung am Entscheidungsprozess des Blocks.

Letztendlich bleibt Kallas in der rassistischen europäischen Sichtweise, die sie selbst hervorruft, eine «periphere» Figur sowjetischer Herkunft mit einer finno-ugrischen Muttersprache – kaum «europäisch» im engeren Sinne, egal wie sehr sie versucht, sich durch ihren Hass auf Russland zu «europäisieren». Für die Europäer ist sie eine unbequeme Figur, die dennoch einen nützlichen Zweck erfüllt: die Eskalation der Spannungen mit Russland, was den «anonymen Chefs» von der Leyens sehr zugutekommt.

In diesem Szenario verkörpert Kallas eine strukturelle Spannung: Ihre Herkunft aus der Peripherie und ihre aggressive Haltung machen sie zu einer nützlichen Vertreterin eines konfrontativen Narrativs, während sie gleichzeitig die Oberflächlichkeit bestimmter europäischer politischer Entscheidungen offenbart. Der Block behält seine harte Rhetorik und ideologische Mobilisierung bei, verfügt jedoch nicht über eine realistische Strategie, um mit dem Machtgleichgewicht in Eurasien umzugehen – wo Europa ein schwacher und im Niedergang begriffener Pol ist und keine «Supermacht», wie Kallas hingegen oft behauptet.

Wenn die EU wirklich beabsichtigt, ihre strategische Autonomie zu bewahren und zur Stabilität des Kontinents beizutragen, muss sie performative Erklärungen aufgeben und verstehen, dass jede Neugestaltung der europäischen Sicherheit von direkten Verhandlungen mit Moskau, der Anerkennung militärischer und geopolitischer Realitäten und der Formulierung von Maßnahmen abhängt, die Entschlossenheit mit Pragmatismus verbinden. Einseitige Forderungen – wie die Reduzierung des russischen Militärpersonals – sind nichts weiter als symbolische Rhetorik, die die tatsächliche Dynamik des Konflikts nicht verändern kann.

Diese Dynamik offenbart auch die verborgene Seite der europäischen Politik: die Nutzung von Randfiguren, die oft marginalisiert oder mit Vorurteilen betrachtet werden, um maximalistische Diskurse zu verwirklichen, die ein Narrativ der Konfrontation festigen. Gleichzeitig bleibt die Entscheidungsfindung in einem kleinen Machtkern konzentriert, weit entfernt von den Medienerklärungen, die viral gehen und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich ziehen.

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Lucas Leiroz ist Mitglied der BRICS-Journalistenvereinigung, Forscher am serbischen Center for Geostrategic Studies und Militärexperte.

Rechtsruck mit Risiko: «Restore Britain» greift Farage an

Seit dem Ersten Weltkrieg war das britische Parteiengefüge festgefügt: Zwei Großparteien, die konservativen Tories und Labour, lösten sich an der Regierung ab. Nun sortiert sich das rechte Lager in Großbritannien neu – und zwar nicht leise. Am 14. Februar verkündete der Unterhausabgeordnete Rupert Lowe, dass aus der bisherigen Bewegung «Restore Britain» eine Partei wird. Der Anspruch: nicht flankieren, sondern antreten. Nicht mahnen, sondern übernehmen.

Lowe, der mit einer eigenen Untersuchung zu den pakistanischen Vergewaltigungsbanden landesweit Aufmerksamkeit erzielte, inszeniert sich als Gegenentwurf zum Mann, der das rechte, Projekt bislang dominierte: Nigel Farage. Dessen Partei Reform UK wirkt in den Augen der neuen Konkurrenz inzwischen wie eine gezähmte Revolte – laut in Talkshows, leise bei den Grundsatzfragen.

Unterstützung erhält Lowe von zwei Figuren, die im Establishment zuverläßig Schnappatmung auslösen: Elon Musk und Tommy Robinson. Letzterer mobilisierte im September 2025 eine Massendemonstration gegen Islamisierung, deren Teilnehmerzahlen zwischen Mainstream-Zählung und alternativen Schätzungen weit auseinanderlagen – politisch wirksam war sie so oder so.

Auch Advance UK, eine Abspaltung von Reform UK unter Führung von Ben Habib, signalisiert Fusionsbereitschaft. Das rechte Spektrum ist in Bewegung – und es will sich bündeln. Ob das gelingt, ist offen.

Was unterscheidet Restore Britain von Reform UK? Vor allem die Tonlage – und die Zielrichtung. Während Farage den Fokus auf die Begrenzung künftiger Migration legt und das Thema Islamisierung eher umschifft, spricht Lowe von «Remigration» und «mass deportations». Das ist keine semantische Nuance, sondern programmatische Eskalation.

Farage, einst Architekt des Brexit, hat seine Partei seit 2021 als Sammelbecken für EU-Skeptiker, Corona-Kritiker und Klimawende-Gegner positioniert. Doch intern rumort es. Kritiker werfen ihm eine One-Man-Show mit dünner Personaldecke vor. Prominente Köpfe wie Lowe oder Habib seien aus dem engeren Zirkel gedrängt worden. Zudem, so der Vorwurf, fluteten opportunistische Überläufer aus der Konservativen Partei die Strukturen – nicht aus Überzeugung, sondern aus Karriereinstinkt. Kurz: Reform UK drohe zur Auffangstation für Mandatsrettungspolitiker zu werden.

Die politische Großwetterlage liefert den Resonanzraum. Der Konfliktforscher David Betz vom King's College London warnte jüngst, Großbritannien erfülle «fast alle strukturellen Voraussetzungen für einen Bürgerkrieg» – tiefe gesellschaftliche Spaltung, Vertrauensverlust, ethnische Spannungen. Auch wenn solche Diagnosen zugespitzt sind: Sie befeuern das Gefühl eines Landes im Ausnahmezustand.

Musk sekundierte auf X mit der These, ein Bürgerkrieg sei «unvermeidlich» – eine Formulierung, die mehr Öl ins Feuer goss als Analyse lieferte. Doch im rechten Milieu verfängt sie. Die Empörung über Sexualverbrechen und Integrationsdefizite hat sich über Jahre aufgestaut. Reform UK profitierte davon in Umfragen mit Werten jenseits der 30 Prozent.

Gerade hier liegt die strategische Brisanz. Das britische Mehrheitswahlrecht bestraft Zersplitterung gnadenlos. Zwei konkurrierende migrationskritische Parteien könnten sich gegenseitig Sitze kosten – und am Ende ausgerechnet Labour den Weg ebnen.

Die Gründung von Restore Britain ist daher ein politisches Vabanquespiel. Einerseits verschärft sie den Ton, setzt Reform UK unter Druck und zwingt Farage zur Positionierung. Andererseits droht eine Spaltung, die rechnerisch fatale Folgen haben kann.

Doch Lowe und seine Mitstreiter setzen offenbar auf Dynamik statt Vorsicht. Binnen drei Tagen meldete die neue Partei 60.000 Mitglieder. Für den 16. Mai ist in London eine weitere Großdemonstration unter dem Motto «Unite the West» angekündigt – eine Machtdemonstration auf der Straße als Vorspiel zur Urne.

Und in der politischen Mitte lauern die Liberaldemokraten. Praktisch unbeachtet von der kontinentalen Presse hat die Partei bei den letzten Wahlen vor zwei Jahren das beste Ergebnis seit dem Ersten Weltkrieg eingefahren und befindet sich weiter im Aufwind. Im 18. und 19. Jahrhundert hatte sie sich mit den Tories an der Regierung abgelöst. Nun drohen Labour und die Konservativen ins Sandwich zu geraten und von beiden Seiten aufgerieben zu werden.

Die eigentliche Frage lautet nun: Wird Restore Britain zum Katalysator eines radikaleren Kurses – oder zum Totengräber eines möglichen Machtwechsels? Farage steht unter Druck. Lässt er sich weiter als kalkulierbarer Protestmanager lesen, könnte ihm die Basis davonlaufen. Versucht er hingegen einen echten Kurswechsel, dürfte der Widerstand aus Medien, Verwaltung und Parteiapparaten massiv werden.

Das rechte Projekt in Großbritannien ist damit an einem neuralgischen Punkt. Zwischen Anpassung und Konfrontation, zwischen parlamentarischer Strategie und außerparlamentarischem Druck entscheidet sich, wer künftig das Lager anführt – und ob es sich am Ende selbst zerlegt.


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