Zürcher Klinikskandal: Das System Maisano – und das große Schweigen der Verantwortlichen
Es gibt Skandale, die einzelne Karrieren zerstören. Und es gibt Skandale, die ein gesamtes Machtgefüge entlarven. Der Fall um die Herzchirurgie des Universitätsspitals Zürich (USZ) gehört längst zur zweiten Kategorie.
Denn was jetzt ans Licht kommt, ist nicht bloß die Geschichte eines umstrittenen Star-Chirurgen. Es ist die Geschichte eines Systems, das über Jahre Warnungen ignorierte, Kritiker isolierte und erst dann reagierte, als sich die Affäre nicht länger kontrollieren ließ.
Im Zentrum steht Francesco Maisano, ehemaliger Direktor der Herzchirurgie am USZ. Unter seiner Führung sollen riskante Implantate eingesetzt, Komplikationen verharmlost und Qualitätsprobleme systematisch verdrängt worden sein. Die externe Untersuchung unter Leitung des ehemaligen Bundesrichters Niklaus Oberholzer kommt nun zum Schluss, dass es statistisch rund 70 Todesfälle zu viel gegeben habe.
Eine Zahl, die selbst erfahrene Beobachter des Gesundheitswesens erschüttert. Doch fast noch gravierender ist die Frage, weshalb diese Erkenntnisse erst jetzt offiziell anerkannt werden.
Denn Hinweise auf massive Missstände existierten seit Jahren. Bereits ab 2016 sollen intern Warnungen über problematische Eingriffe und ungewöhnliche Komplikationen kursiert haben. Spätestens 2019 eskalierte die Situation, als der damalige leitende Herzchirurg André Plass konkrete Vorwürfe erhob und von einer Gefährdung von Patienten sprach.
Die Reaktion des Systems richtete sich offenbar nicht primär gegen die mutmaßlichen Missstände – sondern gegen den Mann, der sie meldete. Plass verlor seinen Job. Seine Karriere als Herzchirurg zerbrach. Aus einem langjährig anerkannten Arzt wurde öffentlich ein angeblicher Querulant. Am Tag, als der Oberholzer-Bericht veröffentlicht wurde, meldete sich Plass auf Inside Paradeplatz mit schweren Vorwürfen an seinen Ex-Arbeitgeber. In Kürze: Die Tatsache, dass er den Skandal gemeldet habe, sei so verstanden worden, dass er kein «Teamplayer». Und das hieß dann: Job weg, Reputation weg. Heute sagt er:
«Es war katastrophal. Mein Ruf ist mit voller Absicht vernichtet worden.»
Dass diese Aussagen inzwischen weit mehr Gewicht haben, liegt eben am Oberholzer-Bericht, der diese Woche veröffentlicht wurde. Die unabhängige Untersuchung bestätigt zahlreiche Vorwürfe des Whistleblowers und setzt damit die bisherige Verteidigungslinie des USZ faktisch außer Kraft.
Genau deshalb räumt das Universitätsspital Zürich gerade jetzt öffentlich ein, dass Patienten geschädigt wurden. Jahrelang hatte das USZ erklärt, unter Maisanos Leitung seien keine Patienten zu Schaden gekommen. Nun musste dieselbe Institution eingestehen, dass es statistisch rund 70 Todesfälle zu viel gab. Für André Plass ist das nur ein erster Schritt.
«Endlich wird jetzt mal gesagt, dass es zutrifft, dass Patientinnen und Patienten zu Schaden gekommen sind», sagt er.
Gleichzeitig warnt er davor, die Verantwortung hinter dem Begriff «Systemversagen» verschwinden zu lassen:
«Am Schluss gibt diese Erzählweise allen die Schuld und niemandem.»
Genau dieser Eindruck entsteht derzeit. Und so befürchtet Plass, dass am Schluss niemand Verantwortung übernimmt, niemand geradesteht.
Die Kommunikationsstrategie des USZ wirkt wie kontrollierte Schadensbegrenzung: maximale Betroffenheit nach außen, minimale personelle Konsequenzen nach innen. Von organisatorischen Defiziten und mangelhaften Prozessen ist die Rede. Doch die entscheidende Frage bleibt diffus: Wer wusste was – und weshalb wurde trotz jahrelanger Warnungen nicht eingegriffen?
Denn längst geht es nicht mehr nur um Francesco Maisano, den italienischen Arzt, der, als er begann, sich mit diesen fehlerhaften Implantaten zu beschäftigen, nicht einmal einen Doktortitel besaß. Kurz später war er Leiter der Herzklinik. Es geht also um die politische Aufsicht des Kantons Zürich. Um die Gesundheitsdirektion. Um die Frage, weshalb Regierungsrätin Natalie Rickli (SVP) (hier und hier) spätestens seit 2020 über schwere Vorwürfe informiert war, ohne dass daraus sichtbare Konsequenzen entstanden. Strafanzeigen lagen vor. Medien berichteten seit Jahren über problematische Implantate und interne Warnungen. Trotzdem blieb die politische Reaktion und die Reaktion der Justiz bemerkenswert zurückhaltend.
Statt eines radikalen Eingreifens dominierte offenbar die Hoffnung, die Affäre kontrollieren zu können. Doch diese Strategie begann spätestens dann zu zerbrechen, als die bisherigen Erklärungen nicht mehr haltbar waren. Der Fall drohte juristisch und politisch zu eskalieren. Besonders die Aussagen des Herzchirurgen Paul Vogt, der nach dem erzwungenen Abgang Maisanos die Klinik medizinisch wieder auf Vordermann gebracht hatte und sich in der Coronazeit äußerst kritisch geäußert hatte, vor Gericht im Jahr 2024 dürften intern Schockwellen ausgelöst haben.
Vogt sprach öffentlich von «unethischem und kriminellem Verhalten» sowie von rund 150 Todesfällen unter fragwürdigen Umständen. Spätestens da wurde klar: Die Affäre ließ sich nicht länger als interner Ärztekonflikt darstellen. Hinzu kommt die wirtschaftliche Dimension des Falls. Maisano war nicht nur Klinikdirektor, sondern auch eng mit der israelischen Firma Valtech Cardio verbunden, die das Implantat «Cardioband» entwickelt hatte. Dieses wurde später vom US-Konzern Edwards Lifesciences übernommen – für potenziell bis zu eine Milliarde Dollar.
Der Verdacht eines toxischen Interessenkonflikts steht seither im Raum: Forschung, Klinikbetrieb und wirtschaftliche Interessen könnten sich in gefährlicher Weise vermischt haben. Gerade deshalb ist die Affäre für die Zürcher Institutionen so explosiv.
Denn sollte sich der Eindruck verfestigen, dass wirtschaftliche Interessen patientensicherheitsrelevante Entscheidungen beeinflussten, wäre dies nicht nur ein medizinischer Skandal, sondern ein fundamentaler Vertrauensbruch gegenüber der Öffentlichkeit.
Die jetzige Offenlegung wirkt deshalb weniger wie freiwillige Transparenz als vielmehr wie ein kontrollierter Befreiungsschlag. Der Oberholzer-Bericht zwang das USZ faktisch dazu, jene Realität anzuerkennen, die Whistleblower und Medien seit Jahren beschrieben hatten. Doch trotz aller Betroffenheitsheuchelei bleiben viele zentrale Fragen offen.
Warum wurden Warnungen ignoriert? Warum verlor der Hinweisgeber seine Karriere? Weshalb sitzen zahlreiche damalige Entscheidungsträger weiterhin in einflussreichen Positionen, allen voran Regierungsrätin Rickli? Und weshalb musste erst ein externer Untersuchungsbericht erscheinen, bevor das Offensichtliche eingestanden wurde? Whistleblower André Plass formuliert es heute so:
«Natürlich wäre es wichtig, dass das Spital meine Reputation wiederherstellt.»
Dieser Satz ist weit mehr als ein persönlicher Wunsch. Er ist ein Prüfstein für die Glaubwürdigkeit des gesamten Zürcher Gesundheitssystems.