Antikriegsfilm «Wege zum Ruhm» – Kaltherzigkeit ranghoher Offiziere
Wer in der Öffentlichkeit meist großspurig über den Krieg spricht, sind hochrangige Politiker oder Militärs, Generäle, die mit allerlei Phrasen so tun, als handelte es sich bloß um ein Schachspiel. Und in gewisser Hinsicht ist es ja das auch.
Auf dem realen Brett sind jene Claqueure aber Figuren, die sich am wenigsten bewegen. Die Drecksarbeit machen die einfachen Soldaten. Sie sind die Bauern, und als solche werden sie auch behandelt, als Material, das man problemlos opfern kann, um sich einen Vorteil zu verschaffen.
Im Krieg läuft es nicht anders ab als auf dem Schachbrett, wie Regisseur Stanley Kubrick in seinem Film «Wege zum Ruhm» («Paths of Glory») veranschaulicht hat. Der 1957 erschienene Streifen begibt sich in den festgefahrenen Grabenkampf des Ersten Weltkriegs. Im Mittelpunkt steht eine französische Kampfeinheit, deren Befehlshaber sich mehr für den eigenen Ruhm interessieren als für das Leben ihrer Untergebenen.
Praktisch ein Befehl zum Selbstmord
Als ehrgeiziger Akteur tritt vor allem General Mireau (George Macready) auf. Weil dieser seine Chance zum beruflichen Aufstieg sieht, gibt er den Befehl, eine deutsche Stellung zu erstürmen. Als der Angriff scheitert, sieht Mireau seine Beförderung in Gefahr und zwingt die Soldaten, sich dem Kugelhagel zu stellen.
Aber das Unterfangen ist aussichtslos, weshalb die Infanteristen meutern. Der General lässt daraufhin drei Soldaten wegen vermeintlicher Feigheit den Prozess machen, um ein Exempel zu statuieren und die Moral der Truppe zu stärken. Für ihn ist es die einzige Möglichkeit, seine Beförderung zu retten; für die drei zufällig ausgewählten Soldaten hingegen die sichere Hinrichtung.
Dem General gegenüber steht Regimentskommandeur Colonel Dax, gespielt von Kirk Douglas. Er vertritt die «Bauernopfer» vor dem Kriegsgericht und will die eigentlichen Schuldigen zur Verantwortung ziehen: die Generalität. Doch sein couragierter Einsatz kann die Verurteilung der drei Soldaten nicht verhindern. Sie sterben im Kugelhagel der eigenen Leute, trostlos und unnötig.
Brutalität des Krieges in der Praxis
Mit diesem Plot ist Kubrick einer der besten Antikriegsfilme aller Zeiten gelungen. Die für seinen Stil typische distanzierte Erzählweise erweist sich hier als besonders effektvoll, weil dadurch die Kaltherzigkeit der Generäle zur Geltung kommt. Wie immer blickt Kubrick auf größere Zusammenhänge, indem er die Perversität des ganzen Militärsystems offenlegt, anstatt Einzelschicksale zu beleuchten.
In «Wege zum Ruhm» kritisiert er die militärpolitische Verwaltung. Der Krieg ist hier eine Materialschlacht, in der die Soldaten als Kanonenfutter dienen. Wie brutal das geschieht, inszeniert Kubrick so authentisch, dass die Angriffssequenz auf den «Ameisenhügel» zu jenem Zeitpunkt als die atemberaubendste Darstellung des Krieges galt.
Mit Colonel Dax an der Spitze stürmen Hunderte Soldaten ins Niemandsland und fallen oft schon nach wenigen Metern. Kubrick drehte dieses Massensterben mit langen Kamerafahrten aus der Entfernung, weshalb die Sequenz anders als in typischen Kriegsfilmen nicht wie ein spektakuläres Spektakel anmutet, sondern wie industrielles Töten.
Die Generäle leben wie Sonnenkönige
Der militärische Gegner ist hingegen nie zu sehen. Kubrick spitzt den Konflikt dadurch zu, dass er das Leben der einfachen Soldaten im Schützengraben mit dem der eigenen Generalität kontrastiert. Die hochrangigen Militärs verbringen ihren Alltag in einem palastartigen Landsitz abseits des Schlachtfeldes.
Sie leben wie der einstige französische Adel, amüsieren sich beim Abendball, trinken Champagner und Cognac, vergnügen sich mit Frauen, erteilen Befehle. Es ist eine Parallelwelt, in der die Verhältnismäßigkeit ins Rutschen gerät, weshalb die Generäle bereit sind, Hunderttausende Menschenleben gegen bedeutungslose Geländegewinne einzutauschen.
Wer glaubt, dass die Ereignisse in Kubricks Film bloß dramatisierte Fiktion sind, sollte wissen, worauf er basiert. Als Vorlage diente der gleichnamige Roman des Weltkriegsveteranen Humphrey Cobb, der darin seine eigenen Erfahrungen verarbeitet hatte. Der Fall beruht auf einer wahren Begebenheit, nur dass 1915 nicht drei, sondern vier Soldaten verurteilt und am folgenden Tag erschossen wurden.
Lange Zeit verboten
Frankreich sah sich nach Erscheinen von Kubricks Film in seiner Ehre verletzt und verbot ihn. Bis 1975 durfte «Wege zum Ruhm» dort nicht gezeigt werden. In anderen Ländern ging man genauso mit dem Film um, selbst in der liberalen Schweiz, aber auch in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten.
Die Staaten- und Militärlenker lieben diese Art der Kritik nicht, führt sie doch ihren Zynismus vor, mit dem sie immer wieder neue Kriege beginnen. Während sie von Notwendigkeit und Patriotismus faseln, verstecken sie hinter der Maske der Bigotterie ihre eigentlichen Absichten.
Welche das sind, offenbart Kubricks Film. Obwohl für ihn nur ein sehr geringes Budget zur Verfügung stand, wurde er doch zum gefeierten Meisterwerk. Zu Recht! Selbst Winston Churchill soll ihn als ein gelungenes Beispiel für Irrtümer im militärischen Denken bezeichnet haben.
Beispielhaft dafür ist eine Szene: Mireau trifft bei einem Besuch der Soldaten auf einen, der einen Nervenschock erlitten hat. Als ein Kamerad bittet, man möge es dem Armen nachsehen, gerät der General außer sich und antwortet, dass seine Soldaten keine Nervenschocks erleiden würden, sondern alle gesund seien. Dieses Gebaren ist symbolhaft für den Realitätsverlust der militärischen Obrigkeit.
Schon deshalb sollte die heutige Generation den Film schauen, insbesondere jene, die sich von den Parolen großspuriger Generäle beeindrucken lassen. Ihnen sollte das eigene Leben nicht anvertraut werden.
