Das andere „Wort zum Sonntag“ oder: Der eigene freie Blick
Man macht man, wenn die Dinge doch offenkundig wären, offenkundig sind, und die Leute rennen einfach daran vorbei? Man könnte resignieren, und es lohnt sich auch kaum, jemand mit sommerlichem Kaffeefilter vor dem Gesicht auf die Sinnhaftigkeit seines Tuns ansprechen zu wollen. Auch bei dem jungen Studenten in Freiburg hätte ich schlechte Karten gehabt, der sich durch die Gänge der Behörde geschlichen hatte auf der Suche nach «unnötig» brennendem Licht; er wollte ja «die Umwelt schützen», wie er einem höflich zuraunte.
Ein ähnliches Pathos herrscht beispielsweise im Kantonsspital Aarau. Für eine Untersuchung wurde mir eine OP-Maske angeboten. «Wissen Sie, hier geht es steril zu.» Man fasst sich an den Kopf. «Ein paar mal Luft holen, und der Lappen ist feucht. Dann atmen Sie die Pilze und das Mikroplastik ein. Nein, das mach ich nicht.» Das Gespräch hatte dann nicht mehr lange gedauert.
Eine ebenso fatale Uneinsichtigkeit erleben wir im Bereich der Wirtschaft. Ganze Industriezweige sind gefährdet und trocknen aus, weil «man in der Politik» die falschen Weichen stellt. Autokonzerne müssen sich mit einem Bruchteil früherer Gewinne abfinden, den Städten bricht die Gewerbesteuer weg, Entlassungen im fünfstelligen Bereich werden als Rettung verkauft.
Der Grund dafür ist ein induziertes CO2-Schuldbewusstsein. In der Luft sind 0,04 Prozent dieses Gases. Rund 4 Prozent davon würden aus menschlicher Produktion stammen; auf Deutschland entfallen davon wiederum sagenhafte 2 Prozent − man rechne also. Aber man will bei den «Klimazielen» ja «Vorreiter und Vorbild für andere Länder sein». Mannomann! Rational ist denen offenbar nicht beizukommen, auch wenn der Weltuntergang via «Klimaerwärmung» inzwischen abgeblasen worden ist.
Geht es hier «nur» um die Wirtschaft und «nur» um die Verarmung, so bedroht die modern gewordene Kriegstreiberei allmählich das Leben selbst. Die Planungen werden immer konkreter und das Getöse immer abstruser. Ein wildgewordener «Verteidigungs»-Minister und sein General fabulieren vom Gespenst eines baldigen russischen Angriffs, doch kurz darauf erklärt ein amerikanischer General, Russland sei «nicht auf einen Konflikt aus». Deren Planungen gehen trotzdem weiter.
Was sagt uns das alles? Dass Scheuklappen tödlich sein können. Den Pferden werden sie angelegt, damit sie sich vom Straßenverkehr und anderem Treiben nicht ablenken lassen und sich und andere nicht in Gefahr bringen. Da hat es also einen guten Zweck. Äußerlich ähnlich verhält es sich bei Menschen. Den einen werden die Scheuklappen angelegt, um sie «auf Spur» zu bringen, eine zweite Gruppe trägt sie mit Stolz als ihr Markenzeichen von «Haltung», während eine dritte sie böswillig verteilt, um das Augenmerk der Masse in die gewünschte Richtung zu lenken.
Wir könnten das nun an den obigen Beispielen leicht durchspielen und haben dann die Dressierten und Verängstigten, die denunzianten Mitläufer und Rechthaber sowie die Propagandisten von Kontrolle und Macht. So schwer sind die Dinge nicht zu durchschauen. Aber es ist nicht leicht, sich von ihnen abzukoppeln, ihnen im Rahmen der eigenen Möglichkeiten zu widerstehen und Gegenakzente zu setzen.
Doch nötig ist es; nur schon, um sich nicht anstecken zu lassen. Und es müsste dann ohne Scheuklappen geschehen: ohne von außen aufgezwungene, ohne selber akzeptierte, ohne von anderen verordnete, also mit freiem Blick auf die Nöte, auf die Notleidenden und auf die Notbringer. Dafür braucht es einen Stand außerhalb dieses lebensfeindlichen Systems, wenn wir uns nicht im reinen Anti aufreiben wollen. Wir müssen etwas einspeisen können an echtem Leben.
Wir müssen selber an echtem Leben Anteil haben, unabhängig von den Umständen. «Der Dieb», sagt Jesus, auch der neuzeitliche Dieb «kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten» (Johannes 10,10). Er selber aber sei «gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben».
Ein Beispiel dafür, was das unter widrigsten Umständen heißen kann, ist Helmuth James Graf von Moltke vom Gut Kreisau aus dem inneren Widerstandskreis des 20. Juli. Über ihn und seinen Glauben erzählt seine Frau Freya:
«Der christliche Glaube wurde im Laufe der Jahre immer bedeutungsvoller für ihn. Ja, man kann sagen: Je größer der Druck auf ihm lastete, desto zentraler der Glaube. (…) Das Christentum ist viel stärker als die Kirchen, die es heute repräsentieren, und das war die eigentliche Erkenntnis der Kreisauer. In schwerer Zeit wurde ihnen bewusst, welche revolutionäre Glaubens- und Lebenskraft in der Lehre dieses Mannes aus Palästina auch heute noch steckt. Ja, das möchte ich so stehen lassen.»
Kurz darauf fährt sie fort:
«Es ist ja ein unerhörter Anspruch, der im Christentum liegt. Dass es immer Anspruch bleibt, dass man das Ziel nicht erreichen kann, ist bezeichnend für unser aller Existenz. (…) Wenn man das erst einmal bedacht hat, beginnt man zu tun, was man für richtig hält, selbst wenn das Gegenteil dabei herauskommt.» (aus: Mit dem Mut des Herzens, 1993, Seite 146)
Was für ein Zeugnis − fast 50 Jahre nach der Hinrichtung ihres Mannes. Diesen Außen-Stand meine ich, mit dem man den Umständen begegnen kann, ohne sich von ihnen vereinnahmen zu lassen, und nicht an der Engstirnigkeit, der Unbelehrbarkeit und der Härte jener drei Kategorien von «Scheugeklappten» verzweifeln muss. Im Gegenteil: Der Blick wird frei und weit. Und das Leben fruchtbar.
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Das andere «Wort zum Sonntag» vom 14. Juni 2026: «Den Weg klären»
Lothar Mack war als Gemeindepfarrer und bei verschiedenen Hilfswerken und Redaktionen tätig. Sein kritischer Blick auf Kirche und Zeitgeschehen hat ihn in die Selbständigkeit geführt. Er sammelt und ermutigt Gleichgesinnte über Artikel und Begegnungen und ruft in Gottesdiensten und an Kundgebungen zu eigenständigem gläubigem Denken auf. Sein Telegram-Kanal lautet StimmeundWort.