Dokumentationsreihe «Alles über Angela» – Auf den Spuren einer Machtpolitikerin
Keine andere Frau hat in den letzten Jahrzehnten Europa und Deutschland so verändert wie die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel. In ihrer aktiven Zeit war sie das Paradebeispiel einer Machtpolitikerin – listig, dominant und durchsetzungsstark. Ob Eurokrise, Ukraine-Krieg, Corona- oder Migrationspolitik, Merkel agierte stets als zentrale Figur, die gleichermaßen Sympathien wie Antipathien auf sich zog.
Bis heute ist sie hochumstritten. Während das politmediale Establishment sie weiterhin verehrt und lobpreist, schlägt ihr aus den alternativen Medien und Dissidentenkreisen Verachtung entgegen. Merkel bleibt auch nach ihrer Amtszeit ein gesellschaftliches Phänomen. Obwohl sie über Jahrzehnte in der Öffentlichkeit stand, gibt sie weiterhin Rätsel auf.
Ein solches stellt sich allein mit der Frage, wie diese Frau überhaupt zur Politik kam. Wie die Jungfrau zum Kinde, lautet die landläufige Erklärung. Genau diese Erzählung hat der Filmemacher Robert Cibis für eine mehrteilige Dokumentation genommen, um sich auf die Spuren einer Machtpolitikerin zu begeben, deren Vita bei genauerem Hinsehen viele Unebenheiten und blinde Flecken aufweist.
«Alles über Angela» will dem Titel nach auspacken, und mit «alles» ist das gemeint, was bislang daran gehindert worden ist, die breite Öffentlichkeit zu erreichen: pikante Informationen, die das medial idealisierte Image der einstigen Kanzlerin zum Bröckeln bringen könnten.
Wechsel von Positionen und Lagern
Der erste Teil, auf dem Portal OVALmedia zu sehen, beschäftigt sich mit Merkels politischer Karriere bis zur Wahl zur Bundeskanzlerin und nimmt den familiären Hintergrund ins Visier. Dabei zeigt sich ein Motiv, das auch im Charakter der Protagonistin und deren politischem Stil erkennbar wird: der Wechsel von Positionen und Lagern.
Aufgefallen damit war schon Merkels Großvater, der unter Umständen und an einem Ort starb, der so manchen Verdacht schürt und Fragen aufwirft – im Gebäude des Hauptquartiers der sowjetischen Militäradministration in Berlin-Karlshorst. Das Motiv der Kurs- und Richtungsänderung leuchtet aber auch in der Entscheidung ihres Vaters Horst Kasner auf, der als evangelischer Theologe im Kalten Krieg, anders als es damals die Regel war, von der Bundesrepublik in die DDR übersiedelte.
Merkels Mutter vollzog hingegen einen sozialen Wechsel, indem sie mit der Heirat aus der Klasse des Bildungsbürgertums zum Klerus übertrat und mit dem Umzug in die DDR schließlich in einer klassenlosen Gesellschaft ihr Dasein fristete.
Doch so egalitär wurde es dann doch nicht, auch für Merkel nicht, die, wie die Dokumentation herauszuarbeiten versucht, mit den Jahren immer tiefer in den Staatsapparat eindringt und nach der Wende politisch Karriere macht.
Prominente Persönlichkeiten als Talking Heads
Um diesen Werdegang aufzudröseln, bedient sich Cibis konventioneller Mittel. Er montiert Archivaufnahmen und Fotos, unterlegt die Szenen mit wiederholenden Tonfolgen und lässt Zeitzeugen oder einstige Weggefährten zu Wort kommen.
Unter den sogenannten «Talking Heads» befinden sich der ehemalige Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, die DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld, der Kabarettist Uwe Steimle, der frühere ZDF-Hauptstudioleiter Peter Hahne, der einstige SPD-Politiker Thilo Sarrazin und nicht zuletzt Merkels Biograf Gerold Keefer.
Letzterer hat die größten Redeanteile und kann tatsächlich brisante Details beisteuern, die die Dokumentation zu einer spannenden wie informativen Spurensuche machen. Zu den bedeutendsten Stationen auf diesem Weg gehört Merkels Rolle in der Leipziger Akademie der Wissenschaften, wo sie als Sekretärin für Agitation und Propaganda arbeitete.
Merkel selbst verklärte diese sozialistische Funktionärsstelle, indem sie stets behauptete, lediglich als Kulturbeauftragte tätig gewesen zu sein, die beispielsweise Theaterkarten besorgte oder Rezensionen schrieb. Die eigentliche Aufgabe, betont der Biograf, bestand jedoch darin, die Mitglieder politisch-ideologisch zu erziehen, die Parteilinie zu verbreiten oder die politische Zuverlässigkeit zu überwachen.
Eine Mitarbeiterin der Stasi?
Bereits hier äußert sich der Verdacht, dass Merkel für die Stasi arbeitete. Diesem Indiz geht Cibis in einer weiteren interessanten Episode nach. In den 1980er-Jahren verkehrte sie auffällig rege in Oppositionskreisen, insbesondere in der Gruppe rund um den prominenten Regimekritiker Robert Havemann.
Bei dessen Begräbnis 1982 waren rund 250 Trauergäste anwesend, darunter Angela Merkel. Sie alle wurden von der Stasi fotografisch erfasst. Aber während viele der Anwesenden Schwierigkeiten bekamen, blieb Merkel von ihnen verschont. Das war kein Zufall, wie Cibis anhand weiterer Episoden hervorhebt.
Acht Monate vor dem Begräbnis war die damals aufstrebende Funktionärin mit mehreren Institutsmitgliedern in Polen gewesen und geriet in eine Grenzkontrolle, bei der zahlreiche Utensilien mit Bezug zur dortigen Gewerkschaft Solidarność beschlagnahmt wurden – Zeitschriften, Abzeichen, Denkmal-Fotos.
Normalerweise zogen solche Funde Vernehmungen und Sanktionen nach sich. Für Merkel gab es jedoch keine erkennbaren Konsequenzen, wie ihr Biograf Gerold Keefer in der Dokumentation bestätigt. Er kommt zu dem Schluss, dass es eine «schützende Hand» gegeben haben musste.
Muster der Macht
Peter Hahne merkt in diesem Zusammenhang an, dass der frühere Bundespräsident Joachim Gauck über derlei Verwicklungen gut Bescheid weiß, schließlich war dieser der erste Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen. Dass Gauck, nach dem die Behörde später benannt wurde, keine Informationen über Merkels Vergangenheit an die Öffentlichkeit preisgegeben hat, begründet Hahne damit, dass beide – und im Prinzip alle Funktionäre in höheren Positionen – Leichen im Keller haben und damit erpressbar sind.
Derlei Zusammenhänge machen den Dokumentarfilm aus. Er verbindet Puzzleteile eines konkreten Falls, verweist aber zugleich auf etwas Allgemeingültiges, auf Strukturen und Muster, die über Merkel hinausgehen.
«Alles über Merkel» vermittelt einen guten Eindruck davon, wie Politik und Macht funktionieren. Karriere und Aufstieg verdanken sich nur selten der Sachkompetenz und noch viel seltener dem Einsatz für das Allgemeinwohl. Viel entscheidender sind andere Faktoren, solche wie die Einbindung in Seilschaften, Druckmittel, der Besitz von kompromittierendem Material, strategisches Geschick, Skrupellosigkeit.
Merkel musste das früh erkannt haben, weshalb sie ständig Fronten und Positionen wechselte, um ihre Ziele zu erreichen. Sie war ein Wendehals, der nach dem Mauerfall zunächst bei der Partei Demokratischer Aufbruch tätig war, dann zur CDU überging und diese dann entkernte, indem sie zunächst eine sozialdemokratische und schließlich grüne Politik machte.
Verbandelung mit der Familie de Maizière
Merkels Macht verdankt sich aber auch dem sicheren Instinkt, nutzbringende Kontakte zu knüpfen. Wie Biograf Keefer betont, ist ihr Aufstieg ohne die Familie de Maizière undenkbar. Diese Dynastie hatte überall ihre Finger im Spiel, wo politisch wichtige Entscheidungen getroffen wurden, ob in der DDR oder in der Bundesrepublik.
Clemens de Maizière war schon zur Zeit des Nationalsozialismus Mitglied der SA und der NSDAP, Sohn Lothar betätigte sich seit 1956 für die Ost-CDU und amtierte später vom 27. März bis zum 10. April 1990 als Fraktionsvorsitzender von CDU und Demokratischem Aufbruch in der frei gewählten Volkskammer der DDR.
In dieser Familiengeschichte taucht wieder das Motiv des Positions- und Frontwechsels auf, den schließlich auch Merkel mithilfe Lothar de Maizières vollzieht, indem sie sich nach dem Wahldebakel des Demokratischen Aufbruchs abwerben lässt.
Diese enge Verbindung wirft ein besonders grelles Schlaglicht auf Merkels Rolle. Irgendwann kam heraus, dass Lothar de Maizière unter dem Decknamen «Czerni» als inoffizieller Mitarbeiter mit dem Ministerium für Staatssicherheit zusammengearbeitet hatte. Gleiches gilt für Wolfgang Schnur, den Mitbegründer und Vorsitzenden der Partei Demokratischer Aufbruch, für den Merkel als Pressesprecherin arbeitete.
Liegt bei dieser Nähe nicht die Vermutung nahe, dass auch sie mit der Stasi kooperierte? Biograf Keefer ist sich dessen sicher. Er geht davon aus, dass sie in der CDU nur ein Maulwurf sein konnte. Die ehemalige Kanzlerberaterin Gertrud Höhler, die in der Dokumentation ebenfalls als «Talking Head» zu Wort kommt, hält Merkel sogar für eine «Doppelagentin».
Cibis geht dem auf den Grund, wobei er in seiner Dokumentationsreihe nicht nur mit Keefer, sondern mit mehreren Merkel-Biografen zusammenarbeitet. Dabei geht er den Fragen nach, wie die frühere Kanzlerin es geschafft hat, über so einen langen Zeitraum so viel Macht und Aufmerksamkeit zu erhalten, welche personellen Netzwerke sie hatte und worin ihre Absichten bestanden.
Dass dazu sehr viel Stoff vorhanden ist, deutet der erste Teil am Schluss an. Er endet mit der Wahl Merkels zur Bundeskanzlerin und leitet zum zweiten Teil über, wo es um ihre Beziehungen zum Weltwirtschaftsforum gehen wird. Spannend!
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Hier finden Sie das Interview von Transition News mit dem Filmemacher Robert Cibis über die Dokumentation «Alles über Angela»