Weltbank investiert Milliarden in industrielle Massentierhaltung
Die Weltbank und andere groĂe internationale Entwicklungsbanken erklĂ€ren, dass sie nachhaltige ErnĂ€hrungssysteme schaffen, die BiodiversitĂ€t unterstĂŒtzen, Armut reduzieren und den Klimawandel bekĂ€mpfen wollen. Ein neues Arbeitspapier zeigt jedoch, dass Entwicklungsbanken Milliarden Dollar mehr in die industrielle Massentierhaltung schleusen als in kleinere landwirtschaftliche Betriebe, die Ackerbau mit Viehzucht kombinieren und eine gröĂere Vielfalt an Tierrassen halten. Darauf macht Sophie Kevany auf Sentient Media aufmerksam.
WĂ€hrend die Finanzierung durch Entwicklungsbanken in der Regel darauf abzielt, die ErnĂ€hrungssicherheit in Ă€rmeren LĂ€ndern zu erhöhen, warnt einer der drei Autoren der Studie davor, dass Bankkredite in mindestens einem Beispiel indirekt die Expansion von Fast-Food-Restaurants in einem reicheren Land unterstĂŒtzen könnten â anstatt lediglich die Lebensmittelversorgung in einem Ă€rmeren Land zu sichern.
In den fĂŒnf Jahren von 2020 bis 2024 leiteten demnach 16 Entwicklungsbanken gemeinsam rund 13 Milliarden US-Dollar an finanzieller UnterstĂŒtzung in die industrielle Tierhaltung. Dem stehen laut dem neuen Arbeitspapier des International Accountability Project und des Critical Research on Industrial Livestock Systems Network lediglich etwa neun Milliarden US-Dollar zur UnterstĂŒtzung kleinerer, diversifizierterer Viehbetriebe gegenĂŒber.
Die verbleibenden sieben Milliarden US-Dollar, die in die Viehwirtschaft flossen, konnten aufgrund begrenzter Informationen nicht kategorisiert werden. Das Arbeitspapier wurde bisher nicht von einem wissenschaftlichen Fachjournal im Peer-Review-Verfahren geprĂŒft, teilt Kevany mit.
Muster bei der Mittelvergabe, so das Papier, «deuten auf eine wachsende PrĂ€ferenz unter den groĂen Entwicklungsinstitutionen hin, groĂflĂ€chige, kommerziell ausgerichtete Viehzuchtbetriebe zu unterstĂŒtzen», wĂ€hrend nicht-industrielle Systeme, die «oft Kleinbauern oder Kleinproduzenten reprĂ€sentieren», weniger erhalten.
«Wir wussten, dass es einen Trend gibt», nach dem Entwicklungsbanken industrielle Viehhaltungsbetriebe finanzieren, erklĂ€rte Mehroosh Tak, Mitautorin des Berichts und auĂerordentliche Professorin fĂŒr Ăkonomie an der SOAS University in London, gegenĂŒber Sentient Media. Dies sei jedoch das erste Mal, dass Forscher diesen Trend quantifiziert haben, erklĂ€rte sie.
Kevany weist darauf hin, dass industrielle Massentierhaltung dokumentierte SchĂ€den an der Umwelt, an Tieren und Menschen verursacht. Beispielsweise fĂŒhre sie zur groĂflĂ€chigen Zerstörung von WĂ€ldern und anderen LebensrĂ€umen von Wildtieren, um riesige Monokulturen aus Soja, Mais und anderen Futtermitteln anzubauen.
Diese Monokulturen wĂŒrden die Artenvielfalt verringern, die BodenqualitĂ€t verschlechtern und einen hohen Einsatz von Pestiziden erfordern. Die Industrie stĂŒtze sich zudem auf hochselektierte Zuchtrassen von Schweinen, HĂŒhnern und anderem Vieh, um auf Kosten der Gesundheit der Tiere immer mehr Eier, Fleisch und Milch zu produzieren. Kevany weiter:
«Viele Tiere erleiden extreme Enge und die Entfernung von Körperteilen wie SchwĂ€nzen und SchnĂ€beln. In der Massentierhaltung werden so hohe Mengen an Antibiotika eingesetzt, dass die Betriebe als ideale BrutstĂ€tten fĂŒr antibiotikaresistente Bakterien dienen, an denen jĂ€hrlich insgesamt 1,27 Millionen Menschen sterben. DarĂŒber hinaus setzt die Haltung die Anwohner einer Luft- und Wasserverschmutzung durch tierische AbfĂ€lle aus.»
Nachdem die Forscher nun einen Trend zur Bevorzugung industrieller Landwirte gegenĂŒber Kleinbauern nachgewiesen haben, mĂŒssen Entwicklungsbanken laut Tak auf diejenigen hören, die sagen, dass «intensive und industrielle Landwirtschaft schlecht fĂŒr unsere Gemeinschaft ist». Ihm zufolge sollten sich die Banken darauf konzentrieren, Kredite fĂŒr egalitĂ€rere Modelle bereitzustellen, die integrierte landwirtschaftliche Projekte umfassen, anstatt industrielle Modelle zu unterstĂŒtzen. Sie erlĂ€utert:
«Wenn man jemandem fĂŒnf HĂŒhner gibt, kann diese Person einige Eier produzieren, die sie auf dem örtlichen Markt verkaufen kann, aber auch einige Eier fĂŒr sich selbst behalten. Das ist ein sehr gutes Beispiel fĂŒr ein integriertes Projekt.»
Der Bericht weist ferner auf eine «Fehlausrichtung» zwischen der Finanzierung der industriellen Tierhaltung durch Entwicklungsbanken und ihren erklÀrten Zielen in den Bereichen Klima, BiodiversitÀt und ArmutsbekÀmpfung hin.
Um den prozentualen Anteil der Finanzierung fĂŒr verschiedene Viehhaltungssysteme zu quantifizieren, analysierten die Autoren die Investitionen von 16 Entwicklungsinstitutionen im Zeitraum von 2020 bis 2024 anhand von Daten des Factory Farming Finance Tracker, einer Initiative der Organisation Stop Financing Factory Farming. Zu den analysierten Entwicklungsbanken gehörten unter anderem die Weltbank, die Internationale Finanz-Corporation (IFC) und die EuropĂ€ische Investitionsbank (EIB).
Ein weiteres Problem bei der Fokussierung der Entwicklungsbanken auf die Finanzierung industrialisierter Viehzuchtprojekte besteht laut Alessandro Ramazzotti, einem der Mitautoren des Berichts und Forscher beim International Accountability Project, darin, dass in mindestens einem Fall die UnterstĂŒtzung durch eine Entwicklungsbank Fast-Food-Betriebe in einem reicheren Land (den USA) angetrieben haben könnte, anstatt sich rein auf die ErnĂ€hrungssicherheit in einem Ă€rmeren Land (Guatemala) zu konzentrieren.
Seit 2018 habe der guatemaltekische Lebensmittelkonzern CMI Alimentos verschiedene Finanzierungspakete im Gesamtwert von 725 Millionen US-Dollar ĂŒber IDB Invest erhalten, einen Arm der Interamerikanischen Entwicklungsbank-Gruppe. Im selben Zeitraum habe das Unternehmen stark in die Expansion seiner US-amerikanischen Fast-Food-Kette Pollo Campero investiert.
Im Jahr 2022 habe das Unternehmen auf seiner Website den Plan angekĂŒndigt, 190 Millionen US-Dollar einzusetzen, um 100 Pollo Campero-Filialen in den USA zu eröffnen â ein Ziel, das nach Angaben des Unternehmens im Jahr 2024 erreicht wurde. Ein Beitrag aus dem Jahr 2023 habe das neue Ziel angekĂŒndigt, innerhalb von fĂŒnf Jahren 250 Pollo Campero-Standorte in den USA zu betreiben.
Obwohl kein direkter Kausalzusammenhang zwischen dem von IDB Invest geliehenen Geld und den fĂŒr Fast-Food-Restaurants ausgegebenen Mitteln hergestellt werden kann, gibt es laut Ramazzotti eine indirekte Verbindung. Er ist der Ansicht, dass diese Gelder von Entwicklungsbanken «wahrscheinlich zweckgebunden sind». Das bedeutet, dass sie nur fĂŒr Projekte verwendet werden dĂŒrfen, die in der Finanzierungsvereinbarung festgelegt sind. Aber selbst wenn die Mittel nur fĂŒr einen bestimmten Zweck verwendet werden, bedeute dies, dass «das Unternehmen Kapital freisetzt, das es in seine US-AktivitĂ€ten reinvestieren kann».
Ramazzotti weist darauf hin, dass die Situation der ErnĂ€hrungssicherheit in Guatemala und der gesamten zentralamerikanischen Region unverĂ€ndert bleibt â mit einer Unsicherheit im Bereich von 15 bis 35 Prozent der Bevölkerung â, obwohl CMI Alimentos seit 2018 Hunderte Millionen Dollar erhalten hat, verknĂŒpft mit der Erwartung, zur ErnĂ€hrungssicherheit in Zentralamerika beizutragen.
DarĂŒber hinaus, so fĂŒgt er hinzu, hat eine indigene guatemaltekische Xinka-Gemeinschaft Anschuldigungen erhoben, dass eine intensive HĂŒhnerfarm von CMI Alimentos Verschmutzung und Krankheiten gebracht habe. Die Gemeinschaft umfasse etwa 65 Familien. Ramazzotti:
«In Guatemala sagten uns die Gemeinden, die in der NĂ€he der Farm leben, dass ihre eigenen HĂŒhner und Tiere krank wurden, weil die Umweltverschmutzung durch die Farm die LuftqualitĂ€t, den Boden und das Wasser beeintrĂ€chtigt.»
Neben den unangenehmen physischen Auswirkungen, zu denen GeruchsbelĂ€stigung, Staub und Fliegenplagen gehören, trĂ€gt die Gemeinschaft laut Ramazzotti erhöhte Kosten fĂŒr Medikamente, sauberes Wasser und Fliegenabwehrmittel.
Der Experte erklĂ€rte, die Gemeinschaft habe ihm mitgeteilt, dass sie nur eine geringe EntschĂ€digung von den EigentĂŒmern der Farm erhalten habe und vor dem Bau der intensiven GeflĂŒgelanlage nicht konsultiert worden sei.
«Eines Tages wurde ihnen einfach gesagt: âčJa, direkt neben eurem Haus wird eine groĂe Farm gebaut.âș Und sie konnten nicht Nein sagen», stellt er fest.
Sentient Media hat CMI Alimentos, IDB Invest, die Weltbank und die Internationale Finanz-Corporation vergeblich um eine Stellungnahme gebeten.
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Sophie Kevany ist freie Journalistin und schreibt unter anderem fĂŒr The Guardian und Sentient Media. Zuvor arbeitete sie fĂŒr Dow Jones sowie Agence France-Presse und hĂ€lt einen Master-Abschluss in Journalismus der Dublin City University. Sie hat in Irland, den USA, SĂŒdafrika, Frankreich, Peru und Spanien gelebt und gearbeitet.