Gedenken an den deutschen Ăberfall auf die Sowjetunion vor 85 Jahren
Im Morgengrauen war es noch still in Berlin, der deutschen Hauptstadt, an diesem 22. Juni 2026. Ich war unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung am Sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow. Anlass war der 85. Jahrestag des faschistischen deutschen Ăberfalls auf die Sowjetunion. Eine Initiative hatte dorthin eingeladen, um mit «Kerzen des Gedenkens» an den Beginn des deutschen Vernichtungskrieges im Osten zu erinnern.
Es war gegen 3.30 Uhr am Morgen, als ich gemeinsam mit meiner Kollegin Ăva PĂ©li mit dem Fahrrad durch den Berliner Stadtbezirk Friedrichshain nach Treptow fuhr. Da querte eine Tram unsere Strecke â ringsum beklebt mit Bundeswehr-Werbung, samt Balkenkreuz und dem Spruch «Mach, was wirklich zĂ€hlt». Es kam mir vor wie der Kommentar des Zeitgeistes zum historischen Ereignis.
Mit insgesamt 3,6 Millionen Soldaten, 3.500 Panzern und 2.700 Flugzeugen hatte die faschistische deutsche Wehrmacht gemeinsam mit verbĂŒndeten Truppen aus RumĂ€nien, Finnland, Ungarn und der Slowakei am 22. Juni 1941 die Sowjetunion ĂŒberfallen. Der vor 83 Jahren als «Unternehmen Barbarossa» begonnene deutsche Raub-, Eroberungs- und Vernichtungskrieg forderte bis zu seinem offiziellen Ende am 8. Mai 1945 allein auf sowjetischer Seite etwa 27 Millionen Tote.
«Der deutsche Angriff erfolgt, ohne dass zuvor politische und/oder ökonomische Forderungen an die Sowjetunion gestellt worden wĂ€ren». Das schrieb der Historiker Erich SpĂ€ter 2015 in seinem Buch «Der dritte Weltkrieg â Die Ostfront 1941 â 1945». Er stellte klar:
«Mit dem Vormarsch der Deutschen Wehrmacht und SS in der Sowjetunion realisiert sich im gesamten deutschen Machtbereich das radikalste Programm zur vollstÀndigen Vernichtung eines Teils der Menschheit, das jemals erdacht und geplant wurde.»
Als wir am Sowjetischen Ehrenmal in Treptow ankamen, brannten dort schon die aufgestellten Kerzen an den GrabmÀlern und Skulpturen. Die Treppe hoch zum Ehrenmal mit dem sowjetischen Soldaten, der ein Kind auf dem Arm trÀgt und mit Schwert und Stiefel das zerstörte Hakenkreuz niederhÀlt, war links und rechts gesÀumt von Kerzenlichtern. Der Tag begann langsam, sich seines Nachtkleides zu entledigen.
Ich musste an das Buch von Boris Wassiljew und den daraufhin entstandenen Film denken, die beide den Titel «Im Morgengrauen ist es noch still» trugen. Darin wird von einer Gruppe sowjetischer Flak-Soldatinnen erzĂ€hlt, die mit ihrem Sergeanten versuchen, deutsche Fallschirmspringer auszukundschaften und aufzuhalten. Sie ĂŒberleben es nicht. Es ist eine Geschichte aus den Anfangstagen des «GroĂen VaterlĂ€ndischen Krieges» der Sowjetunion ab dem 22. Juni vor 85 Jahren und spielt auf dem Gebiet des heutigen Belarus.
Die Veranstaltung begann mit einer Schweigeminute fĂŒr die Opfer des Krieges. Zu den etwa 150 Teilnehmern gehörten neben vielen Deutschen der russische Botschafter in Deutschland, Sergej Netschajew, und der derzeitige GeschĂ€ftstrĂ€ger der Botschaft von Belarus, Igor Scholodonow, sowie Diplomaten und MilitĂ€rs aus beiden LĂ€ndern. Eingeladen und die Kerzen aufgestellt hatte die Vereinigung der Offiziere Russlands gemeinsam mit der Gesellschaft fĂŒr Deutsch-Russische Freundschaft (GRF) und anderen Gruppen. Seit 2021 wird diese aus Russland stammende Idee auch in zahlreichen deutschen StĂ€dten umgesetzt.
Das Ehrenmal wurde angestrahlt mit einem Zitat auf Russisch und Deutsch: «Niemand ist vergessen, nichts ist vergessen». «Zwischen 1941 und 1945 wurde die Sowjetunion von der dunkelsten Bedrohung ihrer Geschichte heimgesucht», erinnerte Torsten Rexin von der GRF in einer kurzen Ansprache. «Soldaten an der Front, Partisanen in den WĂ€ldern, Arbeiter in den Fabriken trugen gemeinsam die Last dieses Kampfes», sagte er und fĂŒgte hinzu: «Am Ende wehte die rote Fahne siegreich ĂŒber dem befreiten Deutschland.»
Rexin erinnerte auch daran, dass der Krieg sich gegen die gesamte Sowjetunion richtete: «Die Verbrechen der faschistischen Eroberer in Belarus und der Ukraine bleiben unvergessen.» Auch der russische Botschafter Netschajew stellte am Rande der Veranstaltung in einem kurzen Interview klar:
«Wir teilen unseren Sieg nicht in die nationalen Wohnungen. Die Sowjetarmee war multinational, multikonfessionell. Und da waren auch die Ukrainer, die Belarussen, die Juden, alle die Völker der Sowjetunion. Und natĂŒrlich leisten wir Tribut auch den Freunden, den polnischen Soldaten, den US-amerikanischen und den anderen Alliierten.»
Zuvor hatte er in einer kurzen Ansprache zum Ăberfall vor 85 Jahren betont:
«Es war eine richtige Tragödie fĂŒr mein Volk, denn der Krieg, den das Nazi-Deutschland gegen die Sowjetunion gefĂŒhrt hat, war ein Vernichtungskrieg. Die Bevölkerung der Sowjetunion sollte zum groĂen Teil vernichtet, ausgerottet werden.»
Gegen die Sowjetunion habe «praktisch das ganze Europa» gekĂ€mpft, erinnerte der Botschafter mit Blick auf die Truppen anderer LĂ€nder, die die deutsche Wehrmacht unterstĂŒtzten. Er machte auch auf das damalige Geschehen in der Belorussischen Sowjetrepublik aufmerksam. Sie habe als erste den Schlag der faschistischen Armeen abbekommen. Netschajew verwies auf die heldenhafte Verteidigung der Festung Brest zu Beginn des Krieges bis in den Juli 1941.

Russlands Botschafter Sergej Netschajew
Die GrĂ€ueltaten des Faschismus auf dem Gebiet der Sowjetunion wĂŒrden «eigentlich kein Seinesgleichen» kennen. Sie seien in Russland und Belarus als Völkermord anerkannt. Das Gleiche forderte der russische Diplomat auch von der deutschen Bundesregierung und dem Deutschen Bundestag. DafĂŒr gebe es «alle möglichen rechtlichen Voraussetzungen».
Netschajew erinnerte auch an die etwa 700.000 Toten aus der Sowjetunion auf deutschem Gebiet, neben Soldaten auch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Die rund 4.000 KriegsgrĂ€ber und DenkmĂ€ler, die in Deutschland an sie erinnern, wĂŒrden ordentlich gepflegt, wofĂŒr er den daran beteiligten Behörden und den beteiligten Initiativen dankte.
«Das ist sehr wichtig im Sinne der Nachkriegsversöhnung zwischen dem sowjetischen, dem russischen, dem deutschen Volke. Das wissen wir wirklich zu schĂ€tzen. Ich bedanke mich bei allen einfachen deutschen BĂŒrgern, die diese Erinnerungskultur mittragen und mit uns teilen.»
Er sehe «heute die Gesichter der richtigen Freunde unseres Landes», sagte Netschajew den Anwesenden. «Wir haben keine BrĂŒcken verbrannt, was die bilateralen Beziehungen anbetrifft», fĂŒgte er hinzu. Und er hat nach seinen Worten «immer noch die Hoffnung, dass eine gute Zeit fĂŒr die Wiederherstellung unserer Beziehung unbedingt kommt».
Zugleich stellte er klar, die gegenwĂ€rtigen Versuche, auch in ehemaligen Sowjetrepubliken, neonazistische Ideologie wieder zu beleben, seien «fĂŒr unser Volk absolut inakzeptabel». Das sei «fĂŒr uns genetisch inakzeptabel nach allen diesen Tragöden, die unser Volk erlebt hat.» Im Interview betonte er mit Blick auf VorwĂŒrfe in deutschen Medien, Russland instrumentalisiere das Gedenken:
«Es gab einen GroĂen VaterlĂ€ndischen Krieg. Wir haben gegen den Nazismus gekĂ€mpft, gegen das ganze Europa gekĂ€mpft, um unser Land und Europa zu befreien. Wir werden in keinem Fall die neonazistischen Erscheinungen, egal in welcher Form, egal in welchem Land, akzeptieren.»
Im Hintergrund war am Ehrenmal noch das Zitat «Niemand ist vergessen, nichts ist vergessen» zu lesen, als wir miteinander sprachen. Darauf verweisend sagte Netschajew, das sei auch fĂŒr die kĂŒnftigen Generationen sehr wichtig. Die Kinder mĂŒssten die Geschichte richtig kennen, «denn ohne Geschichte gibt es auch keine Zukunft». Er bedauerte, dass inzwischen in westlichen LĂ€ndern viele JĂŒngere nicht mehr wissen, dass die sowjetische Rote Armee einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet hat, den Faschismus zu bekĂ€mpfen.
Russland wird heute wieder als Feind behandelt, vor allen im Deutschland. Mit Blick auf die zunehmende Kriegsgefahr heute sagte der russische Botschafter, Russlands PrĂ€sident Wladimir Putin habe mehrmals erklĂ€rt, «dass wir absolut keine Absicht haben, irgendwelche LĂ€nder anzugreifen, dass wir auf keinen Fall einen Krieg gegen NATO oder NATO-Mitglieder fĂŒhren wollen».
«Wir wollen mit keinem kÀmpfen. Wir sind grundsÀtzlich ein friedliebendes Land. Und wir hatten in unserer Geschichte so viele Probleme mit einigen LÀndern, die uns angegriffen haben, das ist immer noch wach. Ja, selbst gegen ein Land wie Deutschland einen Krieg zu beginnen, das gehört nicht zu unserer Politik.»

Als wir das GelĂ€nde des Ehrenmals verlieĂen, war der Tag schon angebrochen. Die Stadt erwachte und tauchte den Morgen in ihre geschĂ€ftige Hektik. Es war der Beginn eines normalen sommerlichen Tages in der deutschen Hauptstadt â ein friedlicher Tag, der nichts zu wissen scheint von dem gefĂ€hrlichen Wetterleuchten des Krieges.
Wir fuhren mit dem Rad die gleiche Strecke zurĂŒck â und tatsĂ€chlich querte erneut die Tram mit der Bundeswehrwerbung unseren Weg. Es war wie der Einbruch der bedrohlichen Gegenwart in die Erinnerung an das Geschehen vor 85 Jahren, als hĂ€tte Deutschland daraus nichts gelernt.